09/07/2026
Es ist 5:30 Uhr.
Zu dieser Uhrzeit musste Anouk immer das erste Mal raus. Sie sprang flugs in den Garten, machte ihr Geschäft und kuschelte sich dann wieder in ihre Koje. Gut, manchmal vergaß sie, dass sie noch das große Geschäft hätte machen müssen aber ich nahm es mit Humor und irgendwie war es immer wie ein Glücksspiel. Hat sie auf dem Fußboden ein Geschenk hinterlassen oder nicht.
Ich liege im Bett und auf meine innere Uhr ist Verlass. 05:30 Uhr… Anouk muss mal.
Dann verfalle ich schlagartig in eine bleierne Lähmung, da mir bewusst wird, was gestern geschehen ist.
Gestern ist ein Teil unserer Familie gestorben. Ein so wichtiger Teil.
Ich räumte gestern noch auf. Ihr Körbchen kam in die Wäsche, ihre ganzen Mittelchen und Medikamente kamen in eine Box und ihre Plüschtiere legte ich aus dem Weg in die Kiste zu den anderen. Es war wichtig mich zu beschäftigen aber als ich ein letztes Mal ihr plüschiges loses Fell aufkehrte, ein letztes Mal schmunzeln musste, weil sie wieder eine Tablette nicht essen wollte und in ihrer Decke versteckte, ihren Geruch nach Popcorn ein letztes Mal roch, war es vorbei.
Ich bin nach wie vor überrascht wie wenig Auswirkungen der gestrige Tag hatte. Ich konnte nicht glauben wie alle ihren Alltag weiter verbrachten und die Welt nicht stoppte sich zu drehen. Wieso leben alle ihr Leben weiter, lachen, arbeiten, gehen ihrer Wege wenn Anouk nicht mehr ist?! Es fühlte sich alles falsch an.
Die letzten drei Wochen waren hart und die letzten zwei Nächte noch härter. Ich gehe nicht ins Detail. Diese Erfahrungen nehme ich mit ins Grab. Sie war eine absolute Kämpferin und hatte in sehr jungen Jahren schon alle Diagnosen, die ein Schäferhund nur haben kann. Dennoch haben wir es geschafft sie bis zu ihrem 14ten Lebensjahr auf den Füßen zu halten. Wackelige Füße am Ende, zugegeben, aber sie hatte dennoch gar keine Probleme unser Rudel auch so zu führen. Dann watschelt man halt etwas langsamer zu den frechen Gören und klatscht ihnen zeitversetzt eine wenn sie Blödsinn machten.
Alle achteten sie sehr. Selbst unser Satan Zenzi salutierte wenn Anouk ihre Befehle gab.
Wir ließen den Rest der Onecornerdogs sich gestern verabschieden. Es war so surreal und gleichzeitig tröstend denn Hunde gehen mit Trauer zuweilen anders um. Es wird realisiert, dass ein Rudelmitglied nicht mehr lebt, schnüffelt intensiv und nachdem es in den kleinen Plüschhirnen kurz rattert, entscheidet man doch wieder in dem alten Loch zu buddeln, in dem man vor 4 Monaten mal eine Maus gesehen hat.
Anouk hat viele Meilensteine mit uns erlebt und vielleicht auch viele Lebensentscheidungen mit beeinflusst. Sie war unser zweiter Hund ever und dass wir als Anfänger eine schutzhundausgebildete ausgewachsene Schäferhündin ohne bekannte Vergangenheit aus einer Tötung in Ungarn ungesehen adoptierten, war rückblickend betrachtet, nennen wir es mal mutig.
Anouk kam und merkte direkt was für Pfeifen wir waren. Sie hätte uns sehr auf der Nase herumtanzen können aber entschied sich dafür es uns so unendlich leicht zu machen. Sie war immer großzügig, verzeihte so viele Fehler, schaute einen mit ihren braunen Augen an und ließ einen wissen, dass in dem Moment andere Hunde ganz anders reagiert hätten aber sie ließ uns den ganzen Quatsch, den wir damals als Laien machten, einfach durchgehen. Weil sie uns liebte. Bei Gott, was liebte uns dieser Hund. Sie war immer dabei, stand immer hinter einem, wollte immer wissen, ob sie helfen kann, im Zweifel aber ob sie ihren Pelz geknetet bekommen kann. Als ich ein Mal notfallmässig ins Krankenhaus musste, stellte sie das Essen ein und erst als sie mich im Krankenhaus besuchen konnte, sah, dass es mir gut ging, entschied sie doch noch ein wenig weiter zu leben.
Sie liebte uns so sehr, dass sie in einem letzten Akt der Gnade uns ein Geschenk machte. Anouk wusste, dass ich sie nicht hätte gehen lassen können. Ich hätte die Hölle aufgetan, Schlachten geschlagen und alle Feinde besiegt, um sie am Leben zu erhalten.
Und so tat sie das, was sie Zeit ihres Lebens immer tat: sie traf eine selbstlose Entscheidung.
Anouk starb gestern friedlich im Schlaf. Schmerzfrei. Sie lag einfach entspannt da und man sah in ihrem Blick, dass sie sich ganz kurz vorher auf den Weg gemacht haben muss. Ihr Blick sagte: alles ist gut, meine Zeit ist gekommen und ich nehme euch zum Ende die schwerste Entscheidung ab, die man als Tierbesitzer treffen kann. Es war ein guter Tod.
Der Himmel färbte sich gestern Abend wunderschön über der Ranch und ich glaube das lag daran, dass Anouk ankam. Leichtfüßig, frei und ohne Schmerzen rannte sie los. Was für ein Fest es da oben gewesen sein muss so viele Menschen und Tiere zu treffen, von denen ich ihr erzählt habe.
Als ich sie gestern das letzte Mal berührte, sie verabschiedete, flüsterte ich ihr ins Ohr, dass sie das beste Mädchen auf der Welt war.
Das war sie wahrlich und ich werde sie unendlich vermissen. Bis an mein Lebensende.
Man sagt, dass einem Hunde ein Mal im Leben das Herz brechen und das ist absolut wahr. Allein der körperliche Schmerz ist kaum zu beschreiben, als ob einem der Platz zum Atmen fehlt.
Aber wenn ein gebrochenes Herz etwas Gutes hat, dann dass die Risse irgendwann dafür genutzt werden das Licht herein zu lassen.
Gute Reise, mein Mädchen. Es war uns eine Ehre 💞