24/05/2023
«Wir können den Wind nicht ändern, aber die Segel anders setzen.»
Die Sommersaison 2023 ist eröffnet und wir haben bereits die ersten Tage mit dem neuen Selbstbedienungskonzept hinter uns. Es läuft noch nicht alles rund, das neue Konzept muss noch wachsen. Unser Ziel ist eine heimelige Selbstbedienung mit frischen und regionalen Produkten und Persönlichkeit. Die Speisen werden nach wie vor frisch und mit Handwerk in der Küche zubereitet.
Der Oeschinensee hat sich in den letzten Jahren vom Geheimtipp zu einem touristischen Hotspot in der Schweiz entwickelt. Die gesamte Region verzichtet bereits seit Jahren auf jegliche Werbung, Zusammenarbeit mit Influencern, Werbeaufnahmen für Firmen oder grosse Events. Alle solchen Anfragen werden sehr konsequent abgelehnt. Dennoch nehmen die Spitzentage mit enormem Besucheransturm zu. Durch die behördliche Sperrung des rechten Seeufers wegen Felssturzgefahr vom «Spitze Stei» wurde die Fläche für die Besucher massiv verkleinert.
Diese Folgen spüren wir auch in unserem Betrieb. Die Küchencrew durchläuft täglich einen Spiessrutenlauf um all die Gäste auf dem Berg verpflegen zu können (rund 600 Mahlzeiten pro Tag). Die Servicecrew sieht sich zunehmenden, kaum erfüllbaren Gästeerwartungen gegenüber und ist oft einer gesellschaftlichen Respektlosigkeit, Frechheit und Arroganz ausgesetzt, die uns als erfahrene Gastronomen doch immer wieder zu erstaunen vermag. Belästigungen, abschätzige Bemerkungen, Pöbeleien und gar Morddrohungen gehörten leider die letzten Jahre immer wieder zur Tagesordnung. Ob Schweizer oder ausländischer Gast spielt hierbei keine Rolle. Der Stressfaktor ist enorm hoch und fordert seinen Preis. Die Folgen sind psychische Erkrankungen und Mitarbeitende, die sich beruflich neu orientieren und anderen Branchen zuwenden. Unser Team ist innerhalb eines halben Jahres von 38 auf 23 Mitarbeitende geschrumpft. Auf Stelleninserate erhielten wir keine einzige Bewerbung – und das bei guten Arbeitsbedingungen wie Tagesbetrieb, zwei fixe Freitage pro Woche, Saisonarbeitsplanung, regelmässigen Teamabenden und Boni.
Der ursprüngliche Plan für diesen Frühling war ein Umbau der Toilettenanlagen: Eine grosse Anlage für die Öffentlichkeit im Aussenbereich und eine Anlage für die Restaurantgäste im Innern des Hauses. Beim Kanton haben wir Ende letzten Jahres eine Anfrage gemacht, ob dieses Projekt gesetzlich überhaupt möglich ist. Leider wurde nicht nur dies bereits im Vornhinein abgeschmettert, sondern im gleichen Atemzug auch unsere mobilen Alphüsi, welche insbesondere an Spitzentagen als Schnellverpflegung massiv entlasteten, verboten. Ein herber Rückschlag.
Auch an uns beiden sind die letzten Jahre nicht ohne Spuren vorbeigegangen. Persönliche Schicksalsschläge, Corona, die permanente Belastung der Naturgefahr vom «Spitze Stei» mit dem Druck der Behörden und die täglich enormen Herausforderungen im Tagesgeschäft mit 15-Stundentagen haben wir hinter uns. Dabei standen wir immer auf dem Prüfstand von Google-Bewertungen, Gästemails und ungefragten Meinungen zu unserem Tun.
Nachdem sowohl Lea als auch Christoph ein Burnout hatten, haben wir am Ende der Sommersaison 2022 unseren Van gepackt und sind mit unseren beiden Kindern mehrere Monate durch Europa und Marokko gereist. Die Zeit unterwegs haben wir genutzt, um uns Gedanken zu machen, wie wir unsere Zukunft gestalten wollen. In den letzten Jahren haben wir uns gefühlt, als sässen wir in einem sinkenden Gummiboot – mit zu wenigen Händen, um die Löcher zuzuhalten. Wir haben uns entschieden, unser Leben wieder selbst in die Hand zu nehmen und unsere Prioritäten neu gesetzt.
Der Entscheid, aus unserem Restaurant, welches bereits seit Generationen Bestand hat, eine Selbstbedienung zu machen und auch das Hotel im Sommer 2023 für Übernachtungen geschlossen zu lassen, erforderte viel Mut. Verschiedene Faktoren haben dazu geführt. Wir wollen Qualität für unser Team – unsere liebe Oeschi-Familie – damit sie uns noch lange erhalten bleibt. Und wir wollen den Spass an der Arbeit und die Lebensfreude, die uns immer ausgezeichnet haben, zurück. Wir wollen auf keinen Fall abstumpfen und verbittern, wie dies an anderen Orten mit Massentourismus passiert.
Alles was am Ende zählt sind die Familie, Zeit mit Freunden und die mentale und körperliche Gesundheit. Deshalb gehen wir neue Wege – und wir freuen uns mit jedem, der uns auf diesem Weg begleiten will.
Herzlich, Lea & Christoph Wandfluh