30/08/2026
Manche Anfragen nerven einfach nur:
Hallo Herr Rothenpieler,
beim Campingplatz haben Anrufer immer wieder dieselben typischen Fragen. Oft außerhalb der Geschäftszeiten und oft läuft das Ganze über das eigene private Handy.
Wir hatten dasselbe Problem bei unserem eigenen Buchungsportal für Wanderhütten. Irgendwann kamen dort so viele Anrufe rein, dass wir sie nicht mehr alle annehmen konnten. Deshalb haben wir einen Telefonassistenten entwickelt, der Anrufe 24/7 in natürlicher Sprache entgegennimmt, typische Fragen beantwortet und Buchungen aufnimmt, wenn kein Mensch erreichbar ist.
Seit Kurzem setzen auch erste Campingplätze in Deutschland HeyMaria ein. Deshalb dachte ich, das könnte auch für Ihren Betrieb interessant sein.
Haben Sie in den nächsten Tagen 15 Minuten?
Liebe Grüße
Daniel Michel
Guten Tag Herr Rothenpieler,
ich wollte nochmal kurz nachfragen: War meine letzte Mail relevant für Sie?
Viele Grüße
Daniel Michel
Daniel Michel
Gründer & Geschäftsführer
HeyMaria (eine Marke der proxima idea KG)
Marktoberdorfer Str. 11
87647 Unterthingau
Telefon: +49 8303 23741-0
Hallo Herr Michel,
ja, Ihre Anfrage war tatsächlich relevant für mich. Allerdings vermutlich in einer etwas anderen Weise, als Sie es beabsichtigt hatten.
Sie hat mich nämlich erneut mit einer Entwicklung konfrontiert, die ich zunehmend befremdlich finde: der offenbar weit verbreiteten Vorstellung, dass jede menschliche Tätigkeit, die technisch durch einen Algorithmus ersetzt werden kann, auch unbedingt durch einen Algorithmus ersetzt werden sollte.
Sie bieten an, Anrufe entgegenzunehmen, Fragen zu beantworten und Buchungen aufzunehmen – also genau jene Dinge, die für mich als Betreiber eines Campingplatzes keineswegs lästige Nebentätigkeiten darstellen.
Ganz im Gegenteil.
Mit Menschen zu sprechen, ihre Fragen zu beantworten und sie bereits vor ihrer Anreise kennenzulernen, gehört für mich zum Kern dessen, was ich mache.
Ich frage mich deshalb ernsthaft, welches Problem ich lösen sollte, wenn ich diese Aufgabe an eine künstliche Intelligenz abgebe.
Mehr Profit?
Weniger Arbeit?
Weniger Personal?
Weniger menschlicher Kontakt?
Und anschließend sitze ich als Betreiber meines eigenen Unternehmens daneben und beobachte, wie ein Algorithmus meinen Job erledigt.
Das mag betriebswirtschaftlich vielleicht irgendwann als Innovation gelten. Ich persönlich empfinde die Vorstellung eher als gesellschaftliche Bankrotterklärung.
Denn wenn wir konsequent alles ersetzen, was Menschen selbst erledigen können, weil es eine Maschine vielleicht schneller, billiger oder rund um die Uhr erledigt – was genau soll der Mensch dann eigentlich noch tun?
Soll ich Mitarbeiter entlassen, weil ein Sprachroboter keine Pause braucht und keine Gehaltsforderung stellt?
Soll ich meine Kunden künftig von einer künstlichen Stimme begrüßen lassen, damit ich selbst möglichst wenig mit ihnen zu tun habe?
Und vor allem: Warum sollte ich das wollen?
Ich betreibe keinen vollautomatisierten Gewinnabschöpfungsautomaten, bei dem der Mensch möglichst vollständig aus dem Prozess entfernt werden muss.
Ich betreibe einen Campingplatz.
Und ich mache das offensichtlich nicht völlig falsch. Unser Campingplatz ist Deutschlands bestbewertetster Campingplatz. Wir stehen bei den Bewertungen auf Platz eins. Und ich glaube nicht, dass das dadurch entstanden ist, dass wir möglichst effizient jede persönliche Begegnung vermieden haben.
Im Gegenteil.
Ich telefoniere gerne mit meinen Gästen. Ich beantworte ihre Fragen gerne. Ich lerne sie teilweise bereits bei der Buchung kennen. Zwischen dem Betreiber eines kleinen Campingplatzes und seinen Gästen kann eine persönliche Beziehung entstehen – vor der Anreise, während des Aufenthalts und manchmal auch danach.
Genau das möchte ich.
Ich kann deshalb den Gedanken nicht nachvollziehen, warum ich diesen Teil meiner Arbeit freiwillig an einen Sprachroboter, eine künstliche Intelligenz oder einen Algorithmus delegieren sollte.
Ich bin neben meiner Tätigkeit als Campingplatzbetreiber auch politisch aktiv und beschäftige mich insofern durchaus regelmäßig mit den gesellschaftlichen Folgen technischer Entwicklungen. Vielleicht bin ich deshalb inzwischen besonders skeptisch gegenüber dieser geradezu reflexhaften Haltung: „Wenn es technisch möglich ist, muss es auch automatisiert werden.“
Nein, muss es nicht.
Technischer Fortschritt ist kein Selbstzweck. Und nicht jede Innovation ist automatisch eine Verbesserung.
Für mich persönlich ist die Vorstellung, menschliche Kommunikation mit meinen eigenen Kunden durch eine künstliche Stimme zu ersetzen, schlicht Schwachsinn.
Das kann man vermutlich eleganter formulieren. Aber manchmal trifft ein präziser Begriff die Sache besser als ein zehnseitiges Innovationskonzept.
Insofern: Vielen Dank für Ihre Anfrage. Ihr Angebot ist für mich nicht interessant.
Nicht, weil ich die technische Möglichkeit nicht verstanden hätte.
Sondern weil ich sehr genau verstanden habe, was ich dadurch verlieren würde – und weil ich nicht vorhabe, genau das wegzuoptimieren.
Mit freundlichen Grüßen
Alexander Rothenpieler