05/12/2025
Diese Veranstaltung fand vor dem Hintergrund des bundesweiten alljährlichen „Tag der Wohnungslosen“ statt und sollte die so genannte Delegitimierung obdachloser Menschen thematisieren. Niko Rollmann hat mit den beiden anderen Mitgliedern des Podiums, Khushboo Jain und Marco Heinrich, vor etwa zwei Jahren eine kleine, informelle Forschungsgruppe eingerichtet, die sich mit Aspekten von Urbanität und Obdachlosigkeit beschäftigt. In den letzten Besprechungen waren immer wieder verschiedene Aspekte aufgetaucht, die schließlich in dieser Veranstaltung unter dem Begriff der „Delegitimierung“ umfassend und systematisch behandelt werden sollten (Deligitimierung wird hier sowohl als Vorstufe von Repression als auch als ganzheitliches System der Marginalisierung betrachtet).
Auf der Bühne wurde eine aus knapp 40 laminierten Fotos bestehende Ausstellung installiert, die aus den Beständen des Podiums stammte. Mit diesen optischen Elementen sollte es den TeilnehmerInnen ermöglicht werden, die beschriebenen Mechanismen/Umstände in direkter, eindringlicher Form erfassen zu können.
Niko Rollmann übernahm mit einer theoretischen Einführung, wie die seit den späten siebziger Jahren erfolgende „neoliberale Wende“ zu einem sozialpolitischen Paradigmenwechsel geführt hatte, der sich vereinfacht formuliert folgendermaßen umschreiben lässt: Aus einem „Krieg gegen die Armut“ wurde ein „Krieg gegen die Armen“. Sozial benachteiligten Menschen wurde nun verstärkt der Vorwurf gemacht, an ihrer Misere selbst schuld zu sein. Das bedeutete zugleich auch eine zunehmende Delegitimierung obdachloser Menschen, deren Zahl aufgrund der neoliberalen Wirtschaftspolitik seit den 1980ern in vielen Ländern immer stärker ansteigen sollte. Dann beschrieb Niko konkret die verschiedenen Ebenen der Delegitimierung, die von direkter staatlicher Repression (zum Beispiel die Zwangseinweisung obdachloser Menschen in Heime) bis zu von den Betroffenen internalisierten Formen der Unterdrückung reichen (zum Beispiel die interne „Hackordnung“, die man bei Obdachlosen mitunter beobachten kann – Menschen mit Suchtproblemen oder queere Personen stehen dabei auf den untersten Stufen
Marco Heinrichs Ausführungen basierten auf zwei Säulen: Im Rahmen seiner Forschungen hat er lange Befragungen obdachloser Menschen durchgeführt, die er mit seinen Forschungen im Bereich der theoretischen Soziologie unterfüttert. Seine Präsentation befasste sich zuerst damit, wie Obrigkeit und Medien „den Obdachlosen“ als Konstrukt mit konkreten negativen Zuschreibungen kreiert haben. Dann berichtete er mit Bezug auf die von ihm durchgeführten Befragungen, wie diese abwertenden Formen der Darstellung sich in der Selbstwahrnehmung und Erlebniswelt obdachloser Menschen auswirken. Dafür benutzte er mehrfach direkte Zitate aus den durchgeführten Befragungen.
Dann übernahm die indische Aktivistin und Soziologin Khushboo Jain das Wort: In einer sehr direkten, mitunter provokativen Form berichtete sie, wie das System verschiedenster Formen der Delegitimierung sich auf die „Street Communities“ in Städten wie Mumbai (ehemaliges Bombay) und Delhi konkret auswirken würde. Sie betonte dabei, dass gerade in Indien viele Menschen freiwillig „unhoused“ auf den Straßen großer Metropolen leben, da sie dort vielfältige Einkommensmöglichkeiten und auch Freiheiten jenseits des Kastensystems und sonstiger gesellschaftlicher Zwänge genießen würden. In diesem Zusammenhang verwies sie auch auf die Repression, die sie als Frau am eigenen Leibe in einer bürgerlich-konservativen indischen Familie erlebt hätte. Zur Untermalung ihrer Ausführungen bezog sie sich auch direkt auf einzelne Bilder der Fotoausstellung. Abschließend berichtete sie auch von ihrem jüngsten Forschungsaufenthalt in Südafrika und problematisierte in diesem Zusammenhang, dass es dort in den Metropolen viele besetzte Häuser gäbe, deren BewohnerInnen jedoch oftmals auf Obdachlose herabsehen würden.