18/04/2020
++++ Sonderrundschreiben des westfälischen DEHOGA-Präsidenten Hans-Dietmar Wosberg vom 17. April 2020 ++++
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
die Entscheidung der Bundes- und Landesregierungen am Mittwochnachmittag, den Lockdown für das Gastgewerbe bis mindestens Anfang Mai zu verlängern, hat im ersten Moment Sprachlosigkeit bei mir ausgelöst. Ich stellte mir die Frage, ob die Politik eine Branche mit bundesweit 220.000 Unternehmen mit 2,4 Millionen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern tatsächlich sehenden Auges wortwörtlich in den Ruin treiben will. Auch heute kann ich mir die Entscheidung der Kanzlerin und des bayerischen Ministerpräsidenten, das Gastgewerbe bei den Ankündigungen für die weitere Vorgehensweise hinsichtlich der Corona-Krise mit keinem einzigen Wort zu erwähnen, nicht erklären. Das, liebe Kolleginnen und Kollegen war ein harter Schlag ins Gesicht von mehr als zweieinhalb Millionen Gastgeberinnen und Gastgebern in unserem Land. Vielleicht handelt es sich dabei ja um den Ausfluss der allgemein geringen Wertschätzung, den man unserer Branche gemeinhin entgegenbringt. Dass das Gastgewerbe gerade in Deutschland eher stiefmütterlich behandelt wird ist nichts Neues – dass aber mehr als zweieinhalb Millionen erwerbstätige Mitbürger vor den Ruinen ihrer Existenz im Regen stehen gelassen werden, ist ein Affront sondergleichen und eine ganz neue Qualität der Geringschätzung.
Welches Ergebnis hätte ich mir für uns am Mittwoch gewünscht? Ganz ehrlich: Ich weiß es nicht – ich bin weder Arzt noch Volkswirt. Aber dass Sonderregelungen für Friseure oder Buchhändler mit einer Verkaufsfläche von mehr als 800 qm und Möbelhäuser getroffen wurden zeigt, dass da, wo ein Wille ist, auch ein Weg gefunden werden kann. Wenn der nordrhein-westfälische Gesundheitsminister Laumann sich vor die Fernsekameras stellt und sagt: „Wir haben in Nordrhein-Westfalen ungefähr 35.000 Arbeitnehmer, die in der Möbelindustrie arbeiten. Also wenn man Autohäuser öffnet, um die Automobilindustrie im Auge zu haben, dann finde ich, darf ein Nordrhein-Westfale auch die Möbelindustrie im Auge haben“, fällt mir dazu nicht mehr viel ein. Sehr geehrter Herr Minister Laumann, das nordrhein-westfälische Gastgewerbe erwirtschaftet mit seinen über 400.000 Beschäftigten und mehr als 10.000 Auszubildenden rund 16,5 Milliarden Euro Jahresumsatz in fast 51.000 Betriebsstätten. Vielleicht sollte man das mal im Auge haben?!
Wir waren die ersten, die schon vor dem Lockdown mit radikalen Beschneidungen unseres Tagesgeschäfts klarkommen mussten. Aber: Wir haben die Notwendigkeit restriktiver Maßnahmen für den Gesundheitsschutz erkannt und Tische gerückt, um Abstandsflächen zu schaffen, sinnlose Regelungen zu Öffnungszeiten eingehalten und die Kontaktdaten unserer Gäste auf Listen registriert. Wir haben bewiesen: Wir schaffen das und sind bereit, für unsere Passion, Gastgeber zu sein mit Einschränkungen zu leben. Und das würden wir wieder tun! Ich bin mir natürlich darüber im Klaren, dass den Gesundheitsschutz berücksichtigende Öffnungsmöglichkeiten nicht alle Betriebe retten können. Aber uns unsere Leidenschaft, Gäste zu bewirten in dieser nie dagewesenen Konsequenz vollkommen zu untersagen, mithin also hunderttausende Selbstständige in ihrem Grundrecht auf Gewerbefreiheit zu beschneiden, sorgt bei mir und bei den meisten meiner Kolleginnen und Kollegen vor und hinter dem Pass, an der Rezeption und auf der Etage für eine tiefe Verbitterung. Hinzu kommt, dass seitens der Politik nicht ansatzweise eine Perspektive auf eine zumindest teilweise Wiedereröffnung gewährt wurde. Ein deutlicheres „Ihr seid uns egal – seht doch zu wie Ihr klarkommt“ wäre kaum denkbar gewesen. Danke auch dafür!
Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder ist unterdessen ein wenig zurückgerudert und stellt vorsichtig die teilweise Wiedereröffnung der Gastronomie ab Pfingsten in Aussicht (ja, das sind noch sechs Wochen). Weiterhin fordert er, wie schon vorher, die Reduzierung des Mehrwertsteuersatzes auf Speisen auf 7 %. Das ist schön. Wir freuen uns, dass Herr Söder unsere diesbezügliche Forderung weiter unterstützt – aber ganz ehrlich: wenn nicht bald (und mit bald meine ich sofort) etwas passiert, wird es keine Gastronomen mehr geben, denen die 7 % auch etwas nützen! Insoweit unterstützen wir vollumfänglich die Forderungen des Präsidenten des DEHOGA Bundesverbandes, Guido Zöllick nach der Bildung eines Rettungs- und Entschädigungsfonds für das Gastgewerbe. Und es ist wohl unnötig zu sagen, dass wir diesen Fonds JETZT brauchen! Ich will mich nicht ständig wiederholen, aber: mit Krediten können wir nicht viel anfangen. Kredite müssen zurückgezahlt werden und das wird nicht funktionieren. Studien gehen in optimistischen Zukunftszenarien von einem Erreichen des Umsatzniveaus von 2019 erst im dritten Quartal 2021 aus, aus meiner Sicht durchaus realistische Szenarien erwarten eine entsprechende Normalisierung im zweiten Halbjahr 2021 und pessimistische Szenarien sogar erst ab dem zweiten Quartal 2022. Da erkläre man mir bitte, wie selbst beim optimistischsten Szenario Kredite bedient werden sollen!
Und bei all den Hiobsbotschaften, die uns dieser Tage erreichen, dürfen wir das Wichtigste nicht aus den Augen verlieren: Das Rückgrat der Branche sind immer noch unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die genau wie die Unternehmerinnen und Unternehmer der Branche sorgenvoll auf ihren Kontostand blicken. Es ist mir selbstverständlich bewusst, dass das Lohnniveau in unserer Branche im Vergleich zu anderen Berufen z.B. in der Industrie verhältnismäßig niedrig ist. Von 60 bzw. 67 % Kurzarbeitergeld wird es schwierig, den Lebensunterhalt zu bestreiten. Die Forderung der NGG nach Aufstockung durch die Arbeitgeber entbehrt natürlich jeder tatsächlichen Grundlage. Liebe Kolleginnen und Kollegen von der Gewerkschaft: Statt vollkommen sinnlose Forderungen zu stellen und sprichwörtlich zu versuchen, dem nackten Mann in die Tasche zu greifen sollten wir hier den Schulterschluss üben und den Staat hinsichtlich einer Aufstockung des Kurzarbeitergeldes auf 100 % in die Verantwortung nehmen. Hier kämpfen wir an Euer Seite!
Und noch ein letztes Wort direkt an die Politik: sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin Merkel, sehr geehrte Bundesministerinnen und -minister, sehr geehrte Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten und natürlich sehr geehrter Herr Minister Laumann, ich empfehle Ihnen die Internetseite www.airbnb.de. Denn dort werden Sie künftig Unterbringungsmöglichkeiten für Ihre Dienstreisen finden – mit etwas Glück dürfen Sie auch den Kühlschrank in der neu eingerichteten Küche Ihres Gastgebers für selbst mitgebrachte Butterbrote nutzen. Denn wenn Sie so weitermachen wie bisher, wird es die Hotellerie und die Gastronomie in der Form, wie Sie sie kannten (und vielleicht sogar einmal schätzten), nicht mehr geben.
Hans-Dietmar Wosberg
Präsident des DEHOHA Westfalen e.V.