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Das Textprojekt Schreibwerkstatt in Hamburg-Altona, Einführungsreden zu zeitgenössischer Kunst, literarisches Coaching

07/09/2026

WERKSTATTBERICHT VON THOMAS PIESBERGEN

Eigentlich war es nur ein glücklicher Zufall, dass ich vor 18 Jahren angefangen habe, Fantasy zu schreiben.

Inspiriert von meinen Erfahrungen auf einer archäologischen Ausgrabung in Äthiopien hatte ich gerade einen ersten Roman beendet, für den sich aber kein Verlag finden ließ. Also saß ich eines Abends mit meinem Agenten zusammen, um zu planen, wie es nun weitergehen könnte. Da erwähnte er beiläufig, dass viele seiner “literarischen” Autorinnen und Autoren unter Pseudonym auch Genreliteratur schrieben. Ich hatte nicht sehr viel für Krimis oder Romance übrig, blieb aber plötzlich an einer Idee hängen: Ich war lange begeisterter Pen-&-Paper-Rollenspieler gewesen, hatte sogar ein eigenes Spielsystem entwickelt und etliche Abenteuer geschrieben – warum das nicht nutzen?

Also setzte ich mich daran und hatte nach etwa einem Jahr intensiver Arbeit einen ersten Entwurf fertig, in dem – noch ganz klassisch – zwei Rollenspieler in einer fantastischen Welt stranden. Das Manuskript wurde prompt von einem Lektor bei Droemer Knaur angenommen. Von ihm kam dann ein entscheidender Impuls: Meine Zielgruppe seien Jungen zwischen 12 und 16, doch die Leserschaft, auf die der Verlag abziele, seien Mädchen zwischen 17 und 23. Ich solle meine Hauptfiguren erwachsener gestalten und vor allem eine weibliche Hauptfigur einfügen. Mein erster Gedanke war: unmöglich. Doch dann kam mir die Idee einer Parallelhandlung – und das war das Beste, was dem Buch überhaupt passieren konnte. Plötzlich eröffneten sich ganz neue Perspektiven und Möglichkeiten, die Geschichte voranzutreiben, und auf einmal saß ich vor dem Konzept für einen Zyklus aus fünf Bänden mit einer neuen umwerfenden Protagonistin.

Zwar wurde aus der Veröffentlichung erst einmal nichts – Droemer Knaur stellte sein Programm radikal um und musste etliche Lektorinnen und Lektoren entlassen –, aber ich hatte Blut geleckt und arbeitete weiter.

Zu dieser Zeit begann ich auch, kreatives Schreiben zu unterrichten, zunächst nur in einer eigenen Schreibwerkstatt, später auch an verschiedenen privaten Hochschulen. Diese Arbeit hat mir immens geholfen, mein eigenes Handwerkszeug ständig zu erweitern und zu verbessern. Wenn ich das Gefühl hatte, irgendwas mit dem Text stimme nicht, fragte ich mich einfach: Was würdest du deinen Studentinnen und Studenten empfehlen?

So hatte ich die Freiheit, den Romanzyklus in aller Ruhe wachsen zu lassen und jeden Band immer wieder zu überarbeiten – damit nicht nur alle Handlungsfäden und Charakterentwicklungen perfekt zusammenpassen, sondern auch der Schreibstil, der sich über die Jahre stetig weiterentwickelt hat, in allen Bänden angeglichen ist.

Unschätzbar waren auch meine Referenzleserinnen und -leser. Je kritischer, desto besser: eine preisgekrönte Autorin poetischer Kurzprosa, von der ich wertvolle stilistische Hinweise bekam; ein Rollenspieler und Fantasy-Fan, der vor allem nach Kontinuitätsfehlern fahndete; und meine Frau, eine anspruchsvolle Vielleserin, die die Psychologie und Glaubwürdigkeit der Figuren streng im Blick hatte.

Eine meiner Grundideen für den Zyklus war, eine besondere Atmosphäre zu schaffen, indem ich die fantastische Welt mit all ihren Gegebenheiten wirklich ernst nehme. Vor allem hatte ich dabei die Gewalt im Fokus. Denn würden sich 17-jährige Jungs, die sich plötzlich in ihren Rollenspielfiguren wiederfinden, wirklich ohne zu zögern in lebensgefährliche Kämpfe stürzen? Selbst mit Verletzungen gnadenlos ihr Ziel verfolgen? Das erwarten Leser*innen fraglos von literarischen Figuren – aber ganz ehrlich: was, wenn man sich selbst in den Finger schneidet? Oder von einer Rippenprellung lahmgelegt wird? Würde man dann auch so handeln? Und was passiert erst mit der Psyche, wenn man wirklich jemanden in Notwehr getötet hat? Mit diesem Ansatz ist es mir gelungen, einen völlig anderen, extrem intensiven Einstieg in das Genre zu finden.
Um auch das Worldbuilding so realistisch wie möglich zu gestalten, konnte ich mit vollen Händen aus meinem Ethnologie- und Archäologiestudium schöpfen und aufregende neue Kulturen erfinden. Wenn man den bisherigen Rezensionen glauben schenkt, ist es mir so über die Jahre gelungen, eine Welt zu erschaffen, die so lebendig und tief ist, dass sie sich fast real anfühlt.

In diesem Jahr ist der erste Band DER WEIßE UND DER ROTE MOND nun endlich 18 Jahre alt geworden. Höchste Zeit, ihn zu veröffentlichen – schließlich ist er nun volljährig und muss selbst zusehen, wie er in der Welt da draußen zurechtkommt. Das gilt auch für zweiten Band DIE SCHATTEN UNTER DEM SCHNEE. Und während die beiden das Terrain für die Bände drei und vier erkunden, kann ich mich in aller Ruhe auf die Reise in den fünften Band begeben und meinen Figuren, nach all ihren Entbehrungen, Herausforderungen und Verwirrungen, ein wohlverdientes und erlösendes Ende schenken.

Homepage: asterion-zyklus.blogspot.com

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