26/02/2026
Stadt-Anzeiger am 24.Februar 2026
Wie Anja Heidemann (Gasthof zur Post) aus Billerbeck den Besuch von Björn Höcke erlebte
Der Tag, der alles veränderte
Der rechtsextreme AfD-Funktionär Björn Höcke besuchte am Sonntag Lippe. Im Gefolge: ca. 80 AfD-Vertreterinnen und Vertreter aus der Region, begleitet von zirka 300 lautstarken Gegendemonstranten. Eigentlich war ein Termin am Hermannsdenkmal geplant, kurzfristig ging es dann zu den Externsteinen. Von da aus sollte es eigentlich in ein Gasthaus nach Klüt gehen. Der Gastwirt stornierte jedoch kurzfristig die Buchung. Stattdessen ging es Sonntagmittag zum Gasthof zur Post nach Billerbeck. Wirtin Anja Heidemann (57) wird seitdem nicht nur in den sozialen Medien an den Pranger gestellt. Täglich werden Familienfeiern storniert, und auch der Pastor sagte Konfirmationsfeiern ab. Wie hat sich der Höcke-Besuch aus Ihrer Sicht dargestellt?
Vorbei am ausgestopftem Dachs, Dankesschreiben von Vereinen, Bierhumpen und Pokalen geht es an diesem Mittwochmittag in den sonnigen Gastraum. Anja Heidemann ist sichtlich aufgewühlt, als sie mit ihrem Handy Empfang sucht. Dann zeigt sie eine E-Mail. Absender ist ein Felix Hampe. Er fragt am Samstag um 13.20 Uhr eine eilige Saalreservierung an: „Guten Tag, ich bitte einmal um Rückruf bezüglich einer möglichen Saalreservierung“, ist da zu lesen. Es folgt Hampes Handynummer und ein Gruß. Was Anja Heidemann nicht weiß: Felix Hermann Hampe ist stellvertretender AfD-Sprecher in Lippe und dringend auf der Suche nach einem Wirt, der Björn Höcke samt Gefolge aufnimmt. Erst Stunden später liest die Wirtin die E-Mail und ruft zurück. „Eigentlich haben wir Betriebsferien, aber ich bin ja sowieso hier“, sagt sie dem Stadt-Anzeiger. Schnell wird sie sich mit Hampe einig: Es gibt nur Kaltgetränke, kein Bier, denn das Fass ist nicht angeschlossen, und keine Speisen. Hampe sagt zu. Wer dahinter steckte? Anja Heidemann hatte keine Ahnung.
Am nächsten Tag gegen 13 Uhr kamen die Gäste. Anja Heidemann war alleine im Gasthaus und schenkte Getränke aus. Die AfDler brachten sich Brot und Bockwürstchen mit. Nach ein paar Reden wurde dann eine Person interviewt. Der Name Björn Höcke fällt. „Den Namen habe ich nie zuvor gehört“, beteuert sie. Als es dann draußen laut wird (Polizei und zirka 300 Demonstranten), wird es ihr langsam mulmig. „Alter Schwede. Was ist hier los?“, dämmerte es ihr. Dann trafen auf ihrem Handy Nachrichten ein. „Wie kannst du nur?“, fragte einer und es folgten Beschimpfungen und auch die eine oder andere Belobigung. Björn Höcke ist inzwischen gefahren. Gegen 16 Uhr war dann der Spuk vorbei, die AfDler räumten den Saal auf, alles verlief korrekt und höflich, erinnert sich Anja Heidemann. Und sie liest in den sozialen Medien nach und erkennt, was da veranstaltet wurde. Warum sie jetzt zur AfD-Sympathisantin wurde? Sie kann es nur mutmaßen, aber nicht erklären.
„Ich bin ein unpolitischer Mensch, schaue keine Nachrichten und kenne keinen Björn Höcke“, gibt sie zu Protokoll. Nein, eine AfD-Sympathisantin sei sie nicht und schon lange kein Mitglied. Als Gastwirtin sei sie es gewohnt, viele unterschiedliche Menschen zu bewirten. Die Situation beschreibt sie als „surreal“, sie sei von den Ereignissen überrollt worden. Ihre Unwissenheit hat ihr dabei nicht geholfen. Nein, ein zweites Mal würde sie nicht die Türen öffnen. Seit Montag treffen zudem täglich Absagen von Veranstaltungen ein. Es mögen mittlerweile 50 Prozent aller Reservierungen sein, eine Welle, die die Existenz des Gasthauses von 1888 gefährdet. Das eingenommene Geld, es sind zirka 400 Euro, will sie ans Tierheim in Detmold spenden. „Ich möchte mich nicht durch diese Situation bereichern“, sagt sie. Und sie hofft auf ein persönliches Gespräch mit den Menschen, die ihr jetzt den Rücken gekehrt haben. M.H.