07/08/2026
Die schönsten Bewegungen zeigt ein Pferd in der Freiwilligkeit.
In meiner gesamten Laufbahn als Pferdetrainer ist mir eines immer wieder aufgefallen: Menschen, die selbst nichts mit dem Reitsport zu tun haben, erkennen oft sofort, wann sich ein Pferd wirklich schön und elegant bewegt.
Viele sagen: „Auf der Koppel sind Pferde am schönsten.“ Und tatsächlich steckt darin eine große Wahrheit.
Warum ist das so?
Weil sich ein Pferd auf der Weide aus eigener Motivation bewegt. Es trägt sich selbst, nutzt seinen Körper ohne Zwang und zeigt seine natürliche Balance, Kraft und Ausdrucksstärke. Jede Bewegung entsteht aus Freude, Neugier oder Übermut – nicht, weil sie eingefordert wird.
Doch wenn ein Pferd in unserer Menschenwelt zurechtkommen soll, muss es diese Welt erst kennenlernen. Nichts davon ist selbstverständlich.
Dabei entstehen Fehler oft nicht aus böser Absicht. Im Gegenteil – die meisten Pferdebesitzer handeln aus Liebe zu ihrem Pferd und möchten alles richtig machen.
Bereits die Haltung verändert das Leben eines Pferdes grundlegend. Wir entscheiden, was und wann es frisst. Das Pferd kann sich seine Nahrung nicht mehr selbst nach seinem individuellen Bedarf auswählen. Das ist bereits der erste Schritt weg von seiner natürlichen Lebensweise.
Ein Pferd braucht große Weiden und ausreichend Platz, um seinen Körper natürlich zu nutzen. Dort entwickelt und erhält es Balance, Koordination, Muskulatur und ein stabiles Fundament – so, wie es die Natur vorgesehen hat. Gerade Pferde, die artgerecht auf großen Flächen aufwachsen, bringen deshalb oft hervorragende körperliche Voraussetzungen mit.
Doch dann beginnt die Anpassung an unsere Welt. Das Pferd soll Halfter, Strick, Sattel und Trense akzeptieren. Es muss geführt werden, Umweltgeräusche kennenlernen, Fahrzeuge, Tiere und unzählige neue Reize verarbeiten. Für uns sind diese Dinge selbstverständlich – für ein Pferd sind sie es nicht.
Leider entstehen genau hier häufig Missverständnisse. Ein Pferd wird gezogen oder gedrängt, obwohl es gar nicht widersetzlich ist. Oft versteht es schlicht noch nicht, was der Mensch von ihm erwartet. Es braucht Zeit und viel Wissen um Situationen zu so zu bereiten, dass diese verinnerlicht werden können und um Vertrauen aufzubauen@.
Meine Philosophie ist deshalb, dem Pferd alles in Ruhe zu zeigen – ohne Druck und ohne Eile. So lange, bis der Stress verschwindet und Vertrauen entsteht. Denn erst wenn der Stressfaktor weg ist, beginnt das Pferd freiwillig mitzuarbeiten. Genau darin liegt für mich die Nachhaltigkeit einer guten Ausbildung. Egal wohin die Reise im Reitsport für ein Pferd gehen soll. Es ist die Basis.
Dazu gehört auch ein grundlegendes Verständnis vom Pferd selbst. Wie funktioniert ein Pferd ohne Reiter? Wie bewegt es sich von Natur aus? Welche Balance bringt es mit? Und was verändert sich in dem Moment, in dem ein Mensch auf seinem Rücken sitzt? Der Reiter verändert zwangsläufig die Statik, die Balance und die Bewegungsabläufe des Pferdes. Deshalb ist es unsere Verantwortung, ihm zu helfen, mit dieser neuen Situation gesund umzugehen.
Man darf dabei niemals mit festen Erwartungen an ein Pferd herangehen. Jedes Pferd ist individuell. Manche lernen schneller, andere brauchen mehr Zeit, um Vertrauen zu entwickeln und Neues zu verarbeiten. Diese Zeit sollten wir ihnen geben.
Unsere Aufgabe ist es nicht, zu erwarten, dass sich das Pferd an uns anpasst. Unsere Aufgabe ist es, dem Pferd zu helfen, mit uns zurechtzukommen. Dafür braucht es Geduld, Fachwissen und die Bereitschaft, jedes Pferd als Individuum zu betrachten.
Oft ist es in der heutigen Zeit gar nicht so einfach, optimale Bedingungen für ein Pferd zu schaffen. Die richtige Haltung zu finden, das Pferd wirklich zu verstehen oder kompetente Unterstützung durch Hufschmied, Sattler, Tierarzt oder andere Fachleute zu bekommen, ist vielerorts schwieriger geworden. Das macht den Weg nicht leichter.
Umso wichtiger ist es, sich nicht von Meinungen oder Trends leiten zu lassen, sondern auf das eigene Bauchgefühl zu hören und Entscheidungen zu treffen, die dem eigenen Pferd guttun. Manchmal muss man lange suchen. Manchmal ist der Weg anstrengend und mit Rückschlägen verbunden. Doch dieser Weg lohnt sich.
Denn das größte Ziel sollte nicht ein Pferd sein, das funktioniert. Das größte Ziel sollte ein Pferd sein, das gesund bleibt, Vertrauen in den Menschen entwickelt und die Leistung, die wir uns wünschen, aus eigener Überzeugung und mit Freude zeigt.
Am Ende ist es ganz einfach: Ein Pferd, das verstanden wird, muss nicht gezwungen werden. Es beginnt freiwillig zu arbeiten, sich zu tragen und sich zu zeigen – nicht aus Pflicht, sondern aus Vertrauen.
Und genau dort entsteht die wahre Schönheit der Bewegung.
Die schönsten Bewegungen zeigt ein Pferd in der Freiwilligkeit.
Einblicke in meine Arbeit mit dem Verkaufspferd Duende, 5 jähriger P.R.E.