05/05/2026
Gasthaus zum grünen Baum, Willersdorf
Ach, Gott.
Gott wohnt in der Choriner Straße 61, in Berlin Mitte. Erfährt man zumindest bei Ahne, dem Ostberliner Lesebühnenautor. Seine 'Zwiegespräche mit Gott' im Rahmen der Reformbühne Heim & Welt habe ich früher immer leidenschaftlich gerne bei meinen Taxischichten in Berlin am Sonntagnachmittag auf Radio Eins in der Show Royale der Satiriker Christoph Grissemann und Dirk Stermann gehört. Da ist Gott ein eher proletarisch angelegter Charakter, der sich schnoddrig-ostberlinernd sehr weltliche, herrlich-absurde Schlagabtäusche mit seinem Kumpel Ahne liefert. Ein mir sehr sympathischer Weltenlenker.
Ansonsten werde ich, der gottlose Großstädter, bei meinen Touren auf das fränkische Umland von der Omnipräsenz des kirchlichen Gottes und seiner Nebendarsteller, mit unzähligen Kirchen, Kapellen, Wegkreuzen, Marterln, und sonstigem religiösen Brauchtum begleitet. Speziell natürlich in den Landkreisen des Bistums Bamberg.
Na gut, so ganz frei von christlicher Folklore bin ich dann doch nicht. Ich hatte von meiner verstorbenen Mutter (mit dem schönen Vornamen Christel) eine von einem Onkel selbst gezimmerte Krippe geerbt, die jahrelang im Keller Staub fing. Irgendwann begann ich, diese in der Weihnachtszeit aufzustellen, und mittlerweile ist diese Krippe zum festen Ritus geworden, die mich bis Lichtmess zum Basteln, zum Ergänzen, zum Optmieren animiert. Allerdings hat das eher was mit einem nerdigen Modellbau, als mit einem religiösen Glaubensreflex zu tun.
Im nächsten Jahr möchte ich zur Fasten-, Passions-, und Osterkrippe expandieren. Um mir diesbezüglich Inspirationen einzuholen, hatte ich mich mit zwei Freunden zum Besuch des Krippenmuseums in Hirschaid am Weißen Sonntag, dem Tag der katholischen Kommunion, verabredet. Bei dem Ehepaaar aus dem Steigerwald sehe ich, welch hohen Stellenwert kirchliche Erziehung bei an sich modernen Menschen nach wie vor hat, wie tief Rituale und Moralitäten noch vorhanden sind. Ich kann mich da einer gewissen Faszination nicht entziehen, alerdings ohne, daß ich den Bedarf an kultureller Aneignung hätte.
Im Museum kann man eine unglaubliche Vielfalt an Krippen aus aller Herren und Damen Länder bestaunen. Vor allem imponiert die Hingabe, mit der das Sammlerehepaar Ingeborg und Hubert Patzelt sein Konvolut über Jahrzehnte zusammengetragen hat. Schwer beeindruckend.
Anschließend fuhren wir in den Aischgrund, zum Gasthof zum grünen Baum in Willersdorf, bis 1979 auch Brauereiwirtschaft. Ich hatte nämlich erfahren, daß dort das von mir sehr geschätzte Kellerbier vom Brauhaus Höchstadt aus dem Fass zum Ausschank käme. Früher wurde dieses ja auf dem wunderbaren Laufer (Fischer-)Keller ausgeschenkt, aber mittlerweile kenne ich keine Wirtschaft mehr, wo ich dieses köstliche Gebräu vom Fass genießen kann. Ein weiterer Grund in den Grünen Baum einzukehren war, daß ein Freund mir seit Jahren in den Ohren liegt, ich solle doch unbedingt mal dorthin fahren, weil es da den besten Karpfen gebe. Ist mir ja eigentlich wurscht, kenne ich doch meine diesbezüglichen Wirtschaften (Aisch, Großbuchfeld), aber man kann ja auch mal fremd gehen, ohne daß man gleich ein göttliches Gebot verletzt.
Vor dem Essen noch ein kleiner Rundgang durch den Ort, vorbei an dem zweiten ehemaligen Brauereigasthof, dem Rittmayer in Wiĺlersdorf, mit einem Abstecher in die kommunionsgeschmückte Bartholomäuskirche. Das letzte Mal, als ich in Willersdorf war, da verfolgte mich, als ich die Einfahrt seines Hofes zum Wenden meines Wagens mißbrauchte, der Bauer schreiend mit seiner Heugabel. Diesmal hätte ich, bei einer neuerlichen Attacke, wenigstens einen Stock zur Abwehr. Ein Battle Behindi gegen Bauer, Gott steh' mir bei.
Aber wir wurden wohlwollend empfangen. Beim Betreten des Grünen Baumes quollen uns Kommunionsmädchen in ihren weißen Kleidern entgegen. Innen gediegene Gemütlichkeit einer alteingesessenen Speisegaststätte. Uns hat es gefallen. Am Nachbartisch eine ältere Männerunde, mit wenig Haaren, dafür mit umso mehr Spaß. Schäi.
Das Kellerbier ist doch "nur" aus der Flasche, aber dennoch ein Hochgenuß, mit einem ganz eigenen Geschmack, brotig-würzig-hopfig-kräutrig. Bei der Essensbestellung hat mich die Neugierde übermannt, ob sich hier an der Bezirksgrenze von Oberfranken zu Mittelfranken auch die ungefähre Bratwurstscheide zwischen den evangelisch-dicken (pornographisch-geilen) Fränkischen oder den katholisch-dünnen Hungerwürstchen abbildet. Und tatsächlich, wo ich als wurststolzer Mittelfranke normalerweise lustvoll viele Minuten damit verbringe, den Genuß der perfekten Wurst möglichst lange hinauszukauen, hatte ich jetzt mit wenigen mißmutigen Happen die Wurstkarikaturen vertilgt. Der Karpfen, den meine Begleiter dagegen bestellt haben, wurde von ihnen in den höchsten Tönen gelobt. Kruzefix.
Im Bus, auf der Heimfahrt ab Adelsdorf, hat mich dann ein Mann mit Stock angeprochen. Ob ich auch einen Schlaganfall gehabt hätte, und deutet auf meinen gelähmten Arm. Man erkennt sich. Ich bejahte, und er erzählte, daß er vor kurzem seinen elften (!) Schlaganfall erlitten hätte. "Alle links, Gott sei Dank!", meinte er.
Achja, die Sache mit Gott, da war ja noch was.
Als ich meinen Schlaganfall hatte, da war ich wochenlang an das Krankenhausbett gefesselt, die Toilette konnte ich nur mit Hilfe verrichten. Aber ich habe mich wieder herangekämpft. Ohne die wundervolle Hilfe meiner engsten Freunde wäre dies alles allerdings nicht möglich gewesen. Die vielen sehr intensiven Begegnungen, während meiner Rehabilitation mit anderen Patienten, waren ungeheuer wichtig für mich. Eine Schicksalsgemeinschaft, in der man sich plötzlich wiederfand.
Und irgendwann bist Du, der vom Tod Verschonte, auch empfänglicher für den Gottesgedanken. Natürlich erst ganz banal, wenn Du Dir so einen Spruch aus dem Küchenkalender wie 'Hilf Dir selbst, dann hilft Dir Gott!" zu Eigen machst. Du greifst nach jeder Krücke. Geholfen hat es. Bilde ich mir zumindest ein. Man könnte auch von Glauben sprechen.
Später dann, als ich wieder ein bißchen laufen konnte, ich während der Reha eine tolle Frau kennengelernt, ich mich verlobt, und aus dieser Beziehung zwei Kinder entstanden sind, da drehst Du irgendwann durch, denkst Dir 'Das gibt's doch alles gar nicht!', und kannst plötzlich nicht mehr so ganz ausschließen, daß da vielleicht doch jemand daran gedreht haben könnte.
Der Herrgott gibt's, der Herrgott nimmt's, die Beziehung ging sehr schnell zu Bruch, und bis heute bin ich von meinen beiden Söhnen getrennt. Ein Umstand, der soviel schlimmer ist, als meine Halbseitenlähmung, und für den auch es keine Worte gibt.
Irgendwann fand ich mich in einer Verzweiflung wieder, als ich, wie der beinamputierte Lieutenant Dan (Gary Sinise) in 'Forrest Gump' während eines Hurrikans in der Schiffstakelage, Gott entgegen schrie "Ist das alles was Du drauf hast??"
Hatte er in meinem Fall nicht, aber das gehört nicht hierher.
Warum ich das alles erzähle? Heute, wo ich diesen Text abfasse, ist der 1. Mai. Das ist der Tag, den ich jedes Jahr wie einen zweiten Geburtstag feiere, es ist der Tag meines Schlaganfalles. Weil ich nicht gestorben bin, weil sich danach alles verändert hat, weil ich Vater von zwei großartigen Söhnen geworden bin. Dieser Tag jährt sich heute zum zehnten Mal. 10 Jahre! Was für eine Zeit.
Den heutigen Tag habe ich mit meinen Jungs verbracht, die sich dank der Fürsorge ihrer Mutter zu prachtvollen Menschen entwickelt haben. Und NATÜRLICH war ich mit ihnen auch in der Wirtschaft, im Biergarten am Chinesischen Turm in München. Für mich gab es dort für 5,70 € eine Halbe eines grauenerregenden alkoholfreien Hofbräu hell, das mich stark an der Existenz eines liebenden Gottes zweifeln lässt.
'Der Mensch denkt, Gott lenkt'. Oder man hält es wieder mit Forrest Gump: "Das Leben ist wie eine Schachtel Pralinen. Man weiß nie, was man kriegt."
Jetzt gehe ich erstmal die nächsten zehn Jahre an. 'Dienstbier sucht Bogenhanf' ist da auch so eine Krücke. Wirtschaft als Therapie.
Gibt schlimmeres...😊
Hintergrundrauschen:
Bill Calahan - Have Fun With God (2014)