Dienstbier sucht Bogenhanf

Dienstbier sucht Bogenhanf Das Wirtshaus ist ein Ort, wo sich Menschen einfinden, die zum Alleinsein Gesellschaft brauchen.

Wirtshausromantik, Bogenhanf, Krautrock, Verwandtes und Anderes....

Ehemalige Trinkhalle in Wanne, Wanne-Eickel, Herne
16/06/2026

Ehemalige Trinkhalle in Wanne, Wanne-Eickel, Herne

Gasthaus Grüner Baum, CastellKunstWirtshausfreund Daniel M. aus C. wies mich gottseidankerweise beharrlich darauf hin, d...
12/06/2026

Gasthaus Grüner Baum, Castell

Kunst

Wirtshausfreund Daniel M. aus C. wies mich gottseidankerweise beharrlich darauf hin, daß es in Castell mit dem Grünen Baum eine Wirtschaft gäbe, die geeignet wäre, Eingang in meine Hall of Fame der Charakterwirtschaften zu finden. Und er sollte Recht behalten.

Mein Tag beginnt im Neuen Museum in Nürnberg. Allein das Besuchendürfen dieser Architekturperle von Volker Staab (der auch das Museum Georg Schäfer in Schweinfurt konzipiert hat) mit seiner faszinierenden Glasfassade ist ein ungeheures Privileg und ein sinnliches Vergnügen. Angefixt von einem Beitrag des Kulturmagazins 'Capriccio' im Bayerischen Fernsehen über die Retrospektive der Bilder von Hans Ticha, erlebe ich eine starke Ausstellung, die mir für den heutigen Tag die Schablone für den Blick auf die Welt da draußen liefert.

Es geht mit dem Zug in das Main-, in das Weinfränkische. Zuerst nach Kitzingen, und danach weiter mit dem Bus entlang der stillgelegten Unteren Steigerwaldbahn, nach Wiesentheid. Die an Bau- und Kunstdenkmälern üppigst ausgestattete Landschaft des Steigerwaldvorlandes bietet für das kunstbesoffene Auge des selbsternannten Tavernologen allerlei Morbiditätspretiosen in Form von bildhübschen Wirtshausleichen.

Überhaupt ist die Anreise auf der notorisch überlasteten, zumeist zweigleisigen Strecke nostalgiepreiswürdig. Mainbernheim, einst Stätte der Schützenhofbrauerei, mit seinem stolzen Bahnhofsgebäude wird seit 1982 nicht mehr als Haltepunkt bedient. In Markt Bibart halten zwar noch Züge, aber auch dort wirkt der Bahnhof eher wie in einer Zeitschleife der Königlich Bayrischen Staatsbahnen gefangen. Und die barrierefreiheitsfreie Haltestelle Kitzingen katapultiert einen in die Welt der Deutschen Bundesbahn der Siebziger Jahre. Herrlich, ich mag das.

Der Fahrer meines Busses gen Wiesentheid rast gekonnt über die Flure, obgleich ich nicht umhin komme festzustellen, daß ich mit meiner Halbseitenlähmung doch Schwierigkeiten habe, Haltung zu bewahren. Ich fühle mich wie dereinst im Bus vom Effendi oder vom Sepp in der Kultserie 'Irgendwie und Sowieso', als die beiden in einer Folge die zwei Reisebusse der Christl crashen.

"Wir sind doch keine Schweinehälften!" erinnere ich mich, daß einst eine Dame im Bus von Hetzelsdorf nach Forchheim protestierte, weil man sich damals eher in der Wilden Maus auf dem Nürnberger Volksfest wähnte, als in einem öffentlichen Verkehrsmittel. Mir und meinem Zechbruder Bernd Peschke war es wurscht, weil rotzevoll vom guten Hetzelsdorfer Bier. Und das war auch dieselbe Fahrt, als wir gezwungen waren, den Busfahrer zu bitten, kurz anzuhalten, weil wir dringendst pi***ln mussten. Der hatte größtes Verständnis und die anderen Fahrgäste größtes Vergnügen. Uns war's wurscht, weil, wie gesagt, naja.
Ich schweife ab.

Ich gehe davon aus, daß ich bei voller Fahrt in Wiesentheid dem Bus entgleiten muß, doch ich kann in aller Seelenruhe aussteigen. Noch bevor ich meine zitternden Knochen sortieren kann, ist die Wilde Maus hinter einer großen Abgaswolke entschwunden.
Die anschließende Schlußetappe nach Castell ist regelrechtes Slow Foot. Hier zeigt sich die ganze lichtdurchflutete Weite des Steigerwaldvorlandes im wolkenaufgerissenen Sonnenschein. Castell selber ist geprägt von seiner Lage an der Steigerwaldstufe und den Weingärten mit dem unverkennbaren Duft der Reben. Und natürlich von der alles überragenden spätbarocken Kirche St. Johannes, zu derem Sockel sich auch der Gasthaus Grüner Baum befindet.

Ein sehr altehrwürdiges Haus betrete ich, als mir Stefan Klotz die Wirtshaustür aufsperrt. Der Grüne Baum ist überregional bekannt für sein Königsbillardturnier, das jedes Jahr Ende Januar stattfindet, und wohl einmalig in dieser Form sein dürfte. Ich wurde wohl schon angekündigt, denn sogleich werde ich als der Besuch aus Nürnberg enttarnt.

Wieder einmal, was für eine schöne Wirtschaft. Ein kleiner Raum, schlicht gehalten, feinfühlig renoviert, in dessen Mittelpunkt natürlich die vier alten Wirthaustische Erfurcht gebietend herausragen. Sogleich nehme ich instinktiv meinen Platz ein. Es ist immer wieder eine Wohltat, sich an so einem Methusalem in Holz ausbreiten zu dürfen. Stefan Klotz, eigentlich Vertretungswirt für den Besitzer Jan Appold, der aber meiste Zeit des Jahres in Hamburg weilt, erzählt mir von der Geschichte des Hauses, nicht ohne Stolz darauf hinzuweisen, daß der Grüne Baum auch über eine wunderschöne Pissrinne verfügt, für mich ja ein untrügliches Zeichen einer Charakterwirtschaft. Der Jan Appold ist heute nicht da, aber ich erfahre, daß von ihm sehr viel Herzblut im Grünen Baum steckt. So ist das Billardturnier seine ganz besondere Herzensangelegenheit.

Sehr schön kann man auch im Innenhof des Fachwerkbaus aus dem 18. Jahrhundert sitzen. Früher wurde im GBC das Bier der Schützenhof-Bräu aus Mainbernheim ausgeschenkt, edzer gibt's Oechsner aus der Flasche aus Ochsenfurt. Ich habe mir eine Wurstzeit vom Metzger Braun vom Hauptbahnhof in Nürnberg mitgebracht, die ich hier genüsslich verspachteln kann. Der Blick aus dem Fenster auf das prächtige Kirchenbarockgeschoss gegenüber rundet das Bild des Wirtshauskunstwerkes opulent ab. Schließlich gesellt sich auch noch der Daniel zu mir, dem ich diesen wunderbaren Gastaufenthalt zu verdanken habe, und der mich mit Tipps für weitere Wirtshausausflüge versorgt.

Die Heimfahrt ist dann, trotz Bombenfund in Unterfürberg und dem damit verbundenen Schienenersatzverkehr easy und relaxed. Inklusive eines luxuriösen Shuttles mit einem Großraumtaxi mit Neuwagenduft bis zum Bahnhof in Fürth für mich.
Also, nix mit Schweinehälften oder der Wilden Maus....🐷🐭!

Hintergrundrauschen:
Giant Sand - Thing Like That (1992)

Gasthaus zur Waldesruh, ArzloheOffenEntdeckt habe ich die Waldesruh bei einer unserer gemeinsamen Erkundungsfahrten über...
07/06/2026

Gasthaus zur Waldesruh, Arzlohe

Offen

Entdeckt habe ich die Waldesruh bei einer unserer gemeinsamen Erkundungsfahrten über die Dörfer im Auto meines Expeditionskollegen Simon Sachs. Das war im März diesen Jahres. Der Winter war noch da, hartnäckig, und die Vegetation schien weit weg vom Frühling. Eine kurzes Klingeln am Haus der Familie Steger mit der Bitte um Entschuldigung für die sonntägliche Störung ergab, daß das Gasthaus jedes erste und dritte Wochenende geöffnet hat. Auf die Nachfrage, wie denn die Öffnungszeiten aussähen, entgegnete die Frau Anneliese Steger, ihres Zeichens Wirtin der Waldesruh: "Wenn offen ist, ist offen!" Genauso gefällt es mir, und jetzt bin ich rausgefahren, um zu schauen, ob das noch stimmt.

Mit der Eisenbahn geht es zum rechten Bahnhof von Hersbruck, und von da aus weiter mit einem Omnibüsschen nach Förrenbach, weil ich auf einen blitzsauberen Frühschoppen beim schmunzelnden Karl Sandrock (siehe https://www.facebook.com/share/p/18t9seyoja/) spekuliere. Sprich, ich weiß nicht genau, ob offen ist. Müßte eigentlich.

Die Metzgerei ist schon mal nicht geschlossen, und als sich die Tür zur Wirtschaft aufdrücken lässt und mich sinnesbetäubende Duftschwaden von gekochtem und gebratenem Fleisch umgarnen, da weiß ich bereits, es wird ein guter Tag.

Ich nehme meinen gewohnten Platz ein, und nun ist es der Sohn vom Karl, der Uwe Sandrock, der mich begrüßt. Ganz im Metzgersdress. Die Klingel vom Laden geht immer wieder, und er muß zwischendrin hinüber, weil das Personal fehlt. Er füllt meinen Reisekrug, und wir kommen gleich in's Gespräch. Und gleich fällt mir auf, er ist kein Schmunzler, er ist ein Lächler. Gut, andererseits, bei seiner Bratwurstkunst, die er mir angedeihen lässt, wie ich da über beide Ohren griene, da freut er sich gleich mit. Ich bin gerne hier.

Schließlich lässt sich auch sei Fadder blicken, und warnt mich vor dem steilen Anstieg gen Arzlohe. Als ich beim Aufbruch sage, nach dem Auftakt könne ja nix mehr schief gehen, da ernte ich ein Schmunzeln und ein Lächeln. Unbezahlbar.

Ich habe jetzt richtig Lust auf Laufen und Wald, und der steile Weg geht mir leicht vom Fuß. Der Regen der letzten Tage lässt die Natur sattgrün strahlen. Tiefer Buchenwald, Waldesruh. Kurz vor Arzlohe taucht die Kapellenruine 'Zum Heiligen Baum' auf. Ich nehme auf einem Teil der Umfassungsmauer Platz, und halte inne. Was bin ich froh, daß sich die Mär vom immer wieder bedienten "Wandern ist in!" nach wie vor nicht erfüllt hat. Keine Menschenseele zu sehen, an diesem besonderen Ort. Derhamm, am Bierfest dertreten sich die Leut. Das lauschige Plätzchen entlockt mir ein brummiges Genußschnurren.

Da drängt sich in meine Kontemplation das Geräusch eines Automobils auf Schotter, das näher kommt. 'Zefix, die Bläidl!' denke ich mir. Wenn es wenigstens ein '69er Chrysler New Yorker wäre, oder ein Buick Riviera, wie ihn der Sepp in 'Irgendwie und Sowieso' gefahren hat. Ich beende mein meditatives Tête-à-Tête mit der Versonnenheit, und mache noch ein paar Foto von dem Kapellentorso. Da tritt plötzlich jemand, ohrenscheinlich aus dem Nicht-Amischlitten, an mich heran. Ich drehe mich zur Seite, und da sind es Sigrid und Ulf, mit denen ich eigentlich in der Waldesruh verabredet bin. Ich entschuldige mich bei den beiden, daß ich sie als Bläidl bezeichnet habe.

Während die beiden mit ihrem Kleinboliden schon mal zur Wirtschaft fahren, laufe ich noch den knappen Kilometer. Ein Auto begegnet mir auf der Dorfstraße, sonst stille Beschaulichkeit. Das Gasthaus, ein friedliches Idyll im Grünen, und es ist offen. Wir sind die einzigen Gäste. Wieder geht der Gedanke zu der Masse an kleinen Gasthäusern, die allein hier in der Gegend zuhauf zugemacht haben. So ein Tag wie heute, wenn ich den einpacken und als Geschenk an meine besten Freunde überreichen könnte, das wäre Ausdruck tiefster Verbundenheit.

"Es gibt nur Brodwöschd.", meint die Frau Steger. Für größere Speisen hätten wir vorbestellen müssen. Na gut, bevor ich mich schlagen lasse.
Naa, Gschmarri, ich freue mich wie ein Schneekönig, wieder eine neue Variante an Bratwurst verkosten zu dürfen.

Dann, plötzlich, beim kulinarischen Genußbaden im Bratwurstrausch entfährt mir ein derart mächtiger Lustseufzer, daß beim Bierfest in Nürnberg für einen klitzekleinen Moment alles zum Stillstand kommt, sich alle um- und fragend anschauen, woher dieser epochale Laut der Befriedigung kommt, der jeden und jedes bebend durchdringt.

VO MIR, IHR HAUMDAUCHER!!! IICH HOGG IN ARZLOHE, UND HAB IS SCHÖNSTE LEHM!"
Aber das hat dann schon keiner mehr gehört. Zu laut, das Gewese

Liebe Leut, geht hin, wenn noch offen ist. Weil, wenn einmal zu ist, dann ist zu. Und dann wird's meistens nimmer offen....💔!

Hintergrundrauschen:
Guru Guru - Der Elektrolurch (1974)

Saal eines geschlossenen Gasthofes
30/05/2026

Saal eines geschlossenen Gasthofes

Freiraum Balkon, Nürnberg, Lorenzer Altstadt Buch und BierKnapp an Knete sind Reisen in andere Länder, wie zum Beispiel ...
20/05/2026

Freiraum Balkon, Nürnberg, Lorenzer Altstadt

Buch und Bier

Knapp an Knete sind Reisen in andere Länder, wie zum Beispiel in mein Sehnsuchtsland Italien, nicht drin. Umso intensiver erlebe ich meine vielfältigen Touren in die Nürnberg umgebenden Landschaften, und dank meiner Behinderung geht das auch einigermaßen bezahlbar, mit Behindiausweis und Wertmarke.
Mein Fernweh hege ich mittels wunderbarer Bücher ein, die ich regelmäßig an einem Stand an der Nürnberger Lorenzkirche erstehe. Vater und Sohn Faber bieten seit bald 30 Jahren gebrauchte und günstige Bücher aus vielen Bereichen an, und nur sehr selten werde ich nicht fündig. Erinnert ein bißchen an die Bouquinisten an der Seine in Paris. Très charmant!

Wenn es dann noch der Geldbeutel erlaubt, dann besorge ich mir eine Kleinigkeit zu essen, und ich gehe zur Feier des Tages, daß ich nämlich wieder erfolgreich neue Bewohner meiner bescheidenen Büchersammlung hinzufügen kann, auf ein Bier in den Balkon, gelegen zwischen Königstor und Frauentor.

Auch einer dieser ganz besonderen Orte, an dem man gepflegte Biere zu sich nehmen kann. Ich kenne den Balkon noch aus der Zeit, als dort Trödel verkauft wurde, und gerne werde ich hier nostalgisch, war doch das frühere KOMM von gegenüber Zentralisationspunkt auch meiner protestbewegten Versuche, die Pubertät rauszuleben.

Wie ein Schwalbennest klebt der Balkon am gewaltigen Frauentorturm, der mit seinen mächtigen Sandsteinquadern einer der vier Türme ist, die der Altstadt ihre unverkennbare topographische Signatur verleihen. Im letzten Krieg fanden hier viele Menschen Zuflucht vor den Bombenangriffen.

Der kleine Innenhof ist ein Refugium, allerdings weniger als ein Ort der formatierten Gastronomie, denn mehr als ein Zustand des erholsamen Zwischenraumes. Eingezwängt zwischen dem Vorneraus, wo sich der Fluß der Menschen inklusive Jungesellinnenabschiedstrauben gen Innenstadt bewegt, und dem Hintenraus des Handerwerkerhofes, der dem touristischen Nürnbergbesucher ein kleines Schnickschnackdorf mit Bratwurstduft und Butzenscheiben bietet, bricht der Balkon wohltuend rotzig mit seiner exzellenten Heavy Rotation das ganze Altstadtgewese. Das samtene Kanone Zwickl, mandarinahopfig erfrischend und bei der Wärme genau die richtige Abkühlung, tut sein Übriges zur Vollendung eines langen Momentes auf dieser lässigen Insel der Kontemplation.

Und mit dem neu erworbenen Buch vom Felix Faber bin ich jetzt gedanklich eh schon wieder ganz woanders auf Reisen....⛵🌞!

Hintergrundrauschen:
Als ich heute da war, gab es Musik u.a. von Van Halen, Johnny Cash, Gang Starr, Diana Ross, Giorgio Moroder, 10cc.

Mai 2024.

Gasthaus Schuh, KleinseebachSireneSkeptisch bin ich, als ich mir die Bilder von der Gaststube im Netz anschaue. Ist mir ...
17/05/2026

Gasthaus Schuh, Kleinseebach

Sirene

Skeptisch bin ich, als ich mir die Bilder von der Gaststube im Netz anschaue. Ist mir ärcherdswäi zu...zu...gschleggerd. 'Landgasthof' nennt sich das ganze auch noch. Ich mag es eigentlich eine Spur kleiner, proletarischer.

Andererseits, wer gibt schon was auf das, was da einer so im Netz rumpostet. Also, am besten selber anschauen.
Ein Verfolger hatte mir den Tipp mal gegeben, und jetzt bin ich mit einem Freund rausgefahren, der mir seinerseits von der Wirtschaft vorgeschwärmt hatte.

Der Weg nach Kleinseebach führt über die sich wunderbar mäandernde Regnitz, mit ihren vielen historischen Wasserschöpfrädern. Der Ort ist Premiere für mich, habe ich doch die Gegend früher eher gemieden, da keine Brauerei vorhanden. Und mit der Mörsbergei in Bubenreuth und der Fischküche Reck in Oberndorf befinden sich hier zwei der zentralen Kahlfresserhabitate für die Nürnberger Blase, um die ich in der Regel, trotz unbestrittener Qualität, einen weiten Bogen mache. Da gehöre ich halt ned hin.

Was meins ist, das erkenne ich bei meiner Ankunft sofort wieder. Zu Füßen großer Kastanien und einer Linde breitet sich ein klassischer Dorf-Hofbiergarten einladend aus. Die Trinität aus dem Fachwerk des Gasthauses, den Roßkastanien, und den Bierbankgarnituren lässt einem seine fränkische DNA spüren. Natürlich fußt das Ganze auf proletarischen Verbundsteinen, der brutalistischen Ablage für die Haxn, frei nach dem Motto 'Nur die Harten kommen in den Garten!'. Oder auch 'Wenn's Dir hier nicht passt, Weichei, verfatz' dich in die Mörsbergei oder zum Reck!'. Bauernwirtschaft sagen die einen dazu. Und die anderen empfinden das hoffentlich als Kompliment.

Kongenial gerahmt wird das Bild dazu durch das seit vielen Jahren brachliegende und abgezehrte Gasthaus zum grünen Baum auf der anderen Straßenseite, einst auch Bäckerei und Kolonialwarenladen. Antike Grandezza einer Geisterwirtschaft, bevor der Verfall einsetzt. Irgendwie schiebt sich mir gerade das Bild des halbnackten, ausgemergelten Iggy Pop vor das geistige Auge.

Wir nehmen auf der Bank neben dem Wirtshauseingang Platz. Das ist die Loge wie geschaffen für uns beide, wie für die beiden alten Knacker aus der Muppets-Show. Es ist immer wieder auf das Neue so schön anzuschauen, wenn im Frühling die frischgrünen Roßkastanien mit ihren satten Blüten die Biergärten bespielen.

Den nächsten Wohlfühlpflock in die Karte zur Vermessung meiner persönlichen Genusswelt kann ich rammen, als ich mein Bier bekomme. Ein St. Georgen Kellerbier im Glaskrug, super süffig gezapft. Es gab Zeiten, da empfand ich das Bier deutlich kantiger, verquerer, aber ich mag es immer noch sehr.

Große Augen, offener Mund, als wir Bratwürste bestellen wollen, und die Frau Schuh so nebenbei erwähnt "Ach ja, wir hätten auch Bohnakern!".
Geil, nehmen wir! Hätte nicht gedacht, daß es das hier in Mittelfranken schon gibt.
Das Essen, ein Gedicht. Dicke Wachtelbohnen, geräucherter Schweinebauch, kapitaler Kloß, schlotzige Wacholdersoß', Charakterspeise jenseits obligatorischer Flammkuchen- und Schnitzelbeliebigkkeit.

Uns gegenüber sitzt eine betagte Frau mit einer pinkfarbenen Sonnenbrille, Typ Agnes Windeck, und hat augenscheinlich ein großes Vergnügen dabei, uns beide zu beobachten, wie wir uns in fränkischer Genüsslichkeit vor Wonne suhlen, und einen Seufzerer nach dem nächsten von uns geben.

Nach dem Essen drehe ich meine Runde. Allein schon der Eingangsbereich zur Wirtschaft beeindruckt durch seine Ensemblehaftigkeit. Terrazzoboden mit Stern, Gassenschenke, Kruzifix, Geweihe, eine große Tafel mit der Ankündigung der nächsten Schlachtschüssel. Geradeaus geht es in die Küche, links die alte Eingangstür zum ehemaligen Metzgersladen, und rechterhand ist die Gaststube. Dort rustikales Pseudo-Almmobiliar, gepflegt, aber durch die enge Reihung und die dunkle Beizung wirkt es behaglich. Und zusammen mit der Holzdecke und dem Kachelofen verspricht der Schankraum eine Wirtshauszeit, die einen zum gemächlichen Verweilen verleitet.
Bogenhanf würde sich hier sicherlich auch sehr gut machen.

Der Eingang zum Klo befindet sich, wie es sich für die "Bauernwirtschaft" gehört, draußen am Hof. Und dahinter befindet sich der Taubenschlag vom Patron, dem Norbert Schuh, aus dem gelegentlich auch mal ein Taubenbraten Einzug auf die Tageskarte findet.

Als ich zu unserem Platz zurückkehre, ist mein Begleiter gerade dabei, eingeschweißte Bratwürste von der Frau Schuh, der Schwiegertochter, in Empfang zu nehmen. Grundgütiger, Fränkische so dick, daß die Wöschdla aus Willersdorf dreimal in eine reinpassen! Die folierte Prallheit erzeugt einen derartigen Sexappeal, so daß ich die Frau Schuh bitte, mir zu erzählen, was für Köstlichkeiten an Wurstkreationen der Metzgerei ihres Schwiegervaters noch so entspringen.Was folgt, ist in meinen Ohren ein schwelgerisches Loblied, eine Ode an die Wurst, und die Aufzählung verschwimmt zu einer bezaubernden Arie in Schwein-Dur.
Wenn sie mich jetzt noch eine Flöte spielend in die Regnitz locken würde,...ich hätte keine Chance.

Bevor ich mich an die Bierbank anbinden lassen muß, treten wir die Heimreise an. Nicht aber ohne mich vorher völlig willenlos mit Gaumenfreuden aus dem Hause Schuh einzudecken. Aamoll, wennsd ann Orpheus braugsd.

Als ich zuhause meine unwürdigen Hauer in eine Art luftgetrocknete Bauernseufzer versenke, da vollziehe ich bei dieser göttlichen Schweinswurst einen Kotau. Nie mehr nehme ich, der Möchtegern-Prolet, das unzureichende Wort von der "Bauernwirtschaft" in den Mund. Ich gedenke selig (vulgo bsuffn) dankbar der (noch) zahlreichen Gastwirte, Kellnerinnen, Metzger, Brauer, Bäcker Kellerbetreiber, und all der anderen Menschen, die rund um das Gastronomiewesen mir mit ihrem Dasein und ihrer Arbeit mir mein Leben veredeln.

Da schleicht sich aus einer zutiefst vergrabenen Erinnerung an einen mythischen Abend im Kellerloch des legendären Hemdendienstes an der Brückenstraße hier in Johannis zu sehr später Stunde nach diversen Hetzelsdorfern mit dem noch mythischeren Plattenaufleger Alfred, eine vergessen gehoffte Ode an mein inneres Ohr, und weitet sich aus zu einem wurstsakralen.....

Hintergrundrauschen:
Udo Jürgens - Adagio (1968) 💚

Kneipe Zum blauen Affen, Fürth"Inschpekter giibt's kaan!"Mein Österreichbild ist maßgeblich von zwei Fernsehsendungen ge...
10/05/2026

Kneipe Zum blauen Affen, Fürth

"Inschpekter giibt's kaan!"

Mein Österreichbild ist maßgeblich von zwei Fernsehsendungen geprägt worden: 'Kottan ermittelt' und Elizabeth Spiras 'Alltagsgeschichten'. Erstere trug nicht unerheblich zu meiner adoleszenten Menschwerdung im Alter von zwölf, dreizehn Jahren bei. Und mit Freuden las ich damals, Anfang der Achtziger Jahre, in der HÖRZU die entsetzten Leserbriefe fassungsloser Zuschauer, die zum einen kritisierten, daß der Schimanski so oft "Scheiße" sage, und daß das ZDF für einen Schwachsinn wie 'Kottan ermittelt' Gebührengelder zum Fenster rauswerfe. Die Veredelung meines Wesens gelang mir dann mit dem Verschlingen der großartigen 'Alltagsgeschichten'.

Und in beiden Sendungen gibt es wunderbare Beisl als Drehorte, deren Wände in der Regel oberhalb der Lamperie tapeziert oder mittels Strukturwalzen bunt bearbeitet sind. Die einzige Wirtschaft, die ich bei uns kenne, die dergestalt ist, ist der Blaue Affe in Fürth.

Dort kehre ich auf meinem Heimweg von einem ausgedehnten Spaziergang am Hainberg bei Altenberg ein, einem ehemaligen Truppenübungsplatz, heute Naturschutzgebiet, und im Frühjahr sehr besuchensswert, wenn dort der Ginster großflächig blüht. Mir ist das Gelände sehr vertraut, weil ich als Kind zusammen mit meinem Vater Ginsterzweige für unsere Brieftauben als Nistmaterial geschnitten habe.
Von Fürth Süd aus ist man innerhalb weniger Busstationen in der Flößaustraße, wohin man noch bis 1981 mit der Straßenbahn vom Hauptbahnhof Fürth aus gelangen konnte.

Der Blaue Affe gehört zu den wenigen noch existierenden Kneipen der ehemals blühenden Gasthauslandschaft in Fürth. Wo der Name herrührt, ist nicht bekannt. Wieder mal so ein besonderer Ort, an dem ich mich affentittengeil,...ääh, pudelwohl fühle. Nicht zuletzt auch deswegen, weil es hier, unweit der ehemaligen Braustätte, Humbser gibt, welches das Bier aus dem Hause Tucher ist, das ich noch am besten trinken kann. Auch wenn ich natürlich weiß, daß dieses Getränk Nostalgiemarketing geschuldet ist. Bei mir funktioniert's.

Aus der reichhaltigen Karte ließ die Stadtwurst mit Musik mein Herz deutlich höher schlagen. Für mich Bestandteil meiner Nürnberg-DNA. Auch hier in Fürth.

Die Kneipe ist eine liebevolle Mischung aus der alten Einrichtung und neuen Ergänzungen. Gleiches gilt für die Schar der Gäste. Der Biergarten ist natürlich das Pfund, mit dem der Affe in der warmen Jahreszeit charmant wuchern kann. Und einen Kicker gibt es auch.

Das mit der bunten Wand mag ich schon sehr, hat einen ungeheuren Charme. Nach der wiederholten Halben schaue ich immer wieder zur Tür, ob nicht doch vielleicht der Schremser, der Schrammel, und der Inspektor Kottan gleich zur Tür hereinspazieren.

Ach halt, der ist ja Major. Inschpekter giibt's ja kaan...🕵‍♂️!

Hintergrundrauschen, weil's da im Affen lief:
Curtis Mayfield - Move on up (1970)

Juni 2024

Auf ein Dienstbier....In West-Berlin.
08/05/2026

Auf ein Dienstbier....

In West-Berlin.

Gastwirtschaft Reitenspieß, HaimpfarrichHoi, a Schiff!Fahrt nach Roth, Umstieg in die Gredl-Bahn, bis Eckersmühlen. Ansc...
06/05/2026

Gastwirtschaft Reitenspieß, Haimpfarrich

Hoi, a Schiff!

Fahrt nach Roth, Umstieg in die Gredl-Bahn, bis Eckersmühlen. Anschließend durch den Ort, hinein in den Südlichen Reichswald. Dichter, alter Föhrenwald. Unverwechselbarer Kiefernduft. Holz ohne Ende. Neben mir fließt die kleine Roth, und immer weiter sich entfernend vernehme ich das Signalhorn der Gredl.

Haimpfarrich erreiche ich nach knapp einer dreiviertel Stunde. Die Wirtschaft hat noch zu. Gehe zum Schiffezählen, die paar Meter weiter zum Kanal. Fehlanzeige. Ist trotzdem schön, in der Sonne am Kanal zu hocken, und dafür die vielen Libellen zu zählen.

Punkt 17 Uhr sitze ich in diesem wunderbaren Biergarten. Das ist fränkische Seele pur: Sandsteingebäude, mit einer mächtigen Linde als Hausbaum davor, Bierbankgarnituren auf Sand. Ich spüre Erdverbundenheit.

Bratwürste, so unanstandig gut, prall und dunkel. Einzig das Bier...fremdelt mir.
Mache nette Bekannschaft, und bekomme wieder neue Tipps für Wirtschaften. Das Lichtspiel der Abendsonne durch Linde und den angrenzenden Bauerngarten erschwert mir den Abschied. Mein Blick geht nach rechts, und da fährt doch tatsächlich ein Schiff gen Nürnberg.

Wird Zeit zu gehen. Nicht, daß am End noch eins kommt....🛳!

Hintergrundrauschen:
Tangerine Dream - Stratosfear (1976)

Juni 2024

Gasthaus zum grünen Baum, WillersdorfAch, Gott.Gott wohnt in der Choriner Straße 61, in Berlin Mitte. Erfährt man zumind...
05/05/2026

Gasthaus zum grünen Baum, Willersdorf

Ach, Gott.

Gott wohnt in der Choriner Straße 61, in Berlin Mitte. Erfährt man zumindest bei Ahne, dem Ostberliner Lesebühnenautor. Seine 'Zwiegespräche mit Gott' im Rahmen der Reformbühne Heim & Welt habe ich früher immer leidenschaftlich gerne bei meinen Taxischichten in Berlin am Sonntagnachmittag auf Radio Eins in der Show Royale der Satiriker Christoph Grissemann und Dirk Stermann gehört. Da ist Gott ein eher proletarisch angelegter Charakter, der sich schnoddrig-ostberlinernd sehr weltliche, herrlich-absurde Schlagabtäusche mit seinem Kumpel Ahne liefert. Ein mir sehr sympathischer Weltenlenker.

Ansonsten werde ich, der gottlose Großstädter, bei meinen Touren auf das fränkische Umland von der Omnipräsenz des kirchlichen Gottes und seiner Nebendarsteller, mit unzähligen Kirchen, Kapellen, Wegkreuzen, Marterln, und sonstigem religiösen Brauchtum begleitet. Speziell natürlich in den Landkreisen des Bistums Bamberg.

Na gut, so ganz frei von christlicher Folklore bin ich dann doch nicht. Ich hatte von meiner verstorbenen Mutter (mit dem schönen Vornamen Christel) eine von einem Onkel selbst gezimmerte Krippe geerbt, die jahrelang im Keller Staub fing. Irgendwann begann ich, diese in der Weihnachtszeit aufzustellen, und mittlerweile ist diese Krippe zum festen Ritus geworden, die mich bis Lichtmess zum Basteln, zum Ergänzen, zum Optmieren animiert. Allerdings hat das eher was mit einem nerdigen Modellbau, als mit einem religiösen Glaubensreflex zu tun.

Im nächsten Jahr möchte ich zur Fasten-, Passions-, und Osterkrippe expandieren. Um mir diesbezüglich Inspirationen einzuholen, hatte ich mich mit zwei Freunden zum Besuch des Krippenmuseums in Hirschaid am Weißen Sonntag, dem Tag der katholischen Kommunion, verabredet. Bei dem Ehepaaar aus dem Steigerwald sehe ich, welch hohen Stellenwert kirchliche Erziehung bei an sich modernen Menschen nach wie vor hat, wie tief Rituale und Moralitäten noch vorhanden sind. Ich kann mich da einer gewissen Faszination nicht entziehen, alerdings ohne, daß ich den Bedarf an kultureller Aneignung hätte.

Im Museum kann man eine unglaubliche Vielfalt an Krippen aus aller Herren und Damen Länder bestaunen. Vor allem imponiert die Hingabe, mit der das Sammlerehepaar Ingeborg und Hubert Patzelt sein Konvolut über Jahrzehnte zusammengetragen hat. Schwer beeindruckend.

Anschließend fuhren wir in den Aischgrund, zum Gasthof zum grünen Baum in Willersdorf, bis 1979 auch Brauereiwirtschaft. Ich hatte nämlich erfahren, daß dort das von mir sehr geschätzte Kellerbier vom Brauhaus Höchstadt aus dem Fass zum Ausschank käme. Früher wurde dieses ja auf dem wunderbaren Laufer (Fischer-)Keller ausgeschenkt, aber mittlerweile kenne ich keine Wirtschaft mehr, wo ich dieses köstliche Gebräu vom Fass genießen kann. Ein weiterer Grund in den Grünen Baum einzukehren war, daß ein Freund mir seit Jahren in den Ohren liegt, ich solle doch unbedingt mal dorthin fahren, weil es da den besten Karpfen gebe. Ist mir ja eigentlich wurscht, kenne ich doch meine diesbezüglichen Wirtschaften (Aisch, Großbuchfeld), aber man kann ja auch mal fremd gehen, ohne daß man gleich ein göttliches Gebot verletzt.

Vor dem Essen noch ein kleiner Rundgang durch den Ort, vorbei an dem zweiten ehemaligen Brauereigasthof, dem Rittmayer in Wiĺlersdorf, mit einem Abstecher in die kommunionsgeschmückte Bartholomäuskirche. Das letzte Mal, als ich in Willersdorf war, da verfolgte mich, als ich die Einfahrt seines Hofes zum Wenden meines Wagens mißbrauchte, der Bauer schreiend mit seiner Heugabel. Diesmal hätte ich, bei einer neuerlichen Attacke, wenigstens einen Stock zur Abwehr. Ein Battle Behindi gegen Bauer, Gott steh' mir bei.

Aber wir wurden wohlwollend empfangen. Beim Betreten des Grünen Baumes quollen uns Kommunionsmädchen in ihren weißen Kleidern entgegen. Innen gediegene Gemütlichkeit einer alteingesessenen Speisegaststätte. Uns hat es gefallen. Am Nachbartisch eine ältere Männerunde, mit wenig Haaren, dafür mit umso mehr Spaß. Schäi.

Das Kellerbier ist doch "nur" aus der Flasche, aber dennoch ein Hochgenuß, mit einem ganz eigenen Geschmack, brotig-würzig-hopfig-kräutrig. Bei der Essensbestellung hat mich die Neugierde übermannt, ob sich hier an der Bezirksgrenze von Oberfranken zu Mittelfranken auch die ungefähre Bratwurstscheide zwischen den evangelisch-dicken (pornographisch-geilen) Fränkischen oder den katholisch-dünnen Hungerwürstchen abbildet. Und tatsächlich, wo ich als wurststolzer Mittelfranke normalerweise lustvoll viele Minuten damit verbringe, den Genuß der perfekten Wurst möglichst lange hinauszukauen, hatte ich jetzt mit wenigen mißmutigen Happen die Wurstkarikaturen vertilgt. Der Karpfen, den meine Begleiter dagegen bestellt haben, wurde von ihnen in den höchsten Tönen gelobt. Kruzefix.

Im Bus, auf der Heimfahrt ab Adelsdorf, hat mich dann ein Mann mit Stock angeprochen. Ob ich auch einen Schlaganfall gehabt hätte, und deutet auf meinen gelähmten Arm. Man erkennt sich. Ich bejahte, und er erzählte, daß er vor kurzem seinen elften (!) Schlaganfall erlitten hätte. "Alle links, Gott sei Dank!", meinte er.
Achja, die Sache mit Gott, da war ja noch was.

Als ich meinen Schlaganfall hatte, da war ich wochenlang an das Krankenhausbett gefesselt, die Toilette konnte ich nur mit Hilfe verrichten. Aber ich habe mich wieder herangekämpft. Ohne die wundervolle Hilfe meiner engsten Freunde wäre dies alles allerdings nicht möglich gewesen. Die vielen sehr intensiven Begegnungen, während meiner Rehabilitation mit anderen Patienten, waren ungeheuer wichtig für mich. Eine Schicksalsgemeinschaft, in der man sich plötzlich wiederfand.

Und irgendwann bist Du, der vom Tod Verschonte, auch empfänglicher für den Gottesgedanken. Natürlich erst ganz banal, wenn Du Dir so einen Spruch aus dem Küchenkalender wie 'Hilf Dir selbst, dann hilft Dir Gott!" zu Eigen machst. Du greifst nach jeder Krücke. Geholfen hat es. Bilde ich mir zumindest ein. Man könnte auch von Glauben sprechen.

Später dann, als ich wieder ein bißchen laufen konnte, ich während der Reha eine tolle Frau kennengelernt, ich mich verlobt, und aus dieser Beziehung zwei Kinder entstanden sind, da drehst Du irgendwann durch, denkst Dir 'Das gibt's doch alles gar nicht!', und kannst plötzlich nicht mehr so ganz ausschließen, daß da vielleicht doch jemand daran gedreht haben könnte.

Der Herrgott gibt's, der Herrgott nimmt's, die Beziehung ging sehr schnell zu Bruch, und bis heute bin ich von meinen beiden Söhnen getrennt. Ein Umstand, der soviel schlimmer ist, als meine Halbseitenlähmung, und für den auch es keine Worte gibt.
Irgendwann fand ich mich in einer Verzweiflung wieder, als ich, wie der beinamputierte Lieutenant Dan (Gary Sinise) in 'Forrest Gump' während eines Hurrikans in der Schiffstakelage, Gott entgegen schrie "Ist das alles was Du drauf hast??"
Hatte er in meinem Fall nicht, aber das gehört nicht hierher.

Warum ich das alles erzähle? Heute, wo ich diesen Text abfasse, ist der 1. Mai. Das ist der Tag, den ich jedes Jahr wie einen zweiten Geburtstag feiere, es ist der Tag meines Schlaganfalles. Weil ich nicht gestorben bin, weil sich danach alles verändert hat, weil ich Vater von zwei großartigen Söhnen geworden bin. Dieser Tag jährt sich heute zum zehnten Mal. 10 Jahre! Was für eine Zeit.

Den heutigen Tag habe ich mit meinen Jungs verbracht, die sich dank der Fürsorge ihrer Mutter zu prachtvollen Menschen entwickelt haben. Und NATÜRLICH war ich mit ihnen auch in der Wirtschaft, im Biergarten am Chinesischen Turm in München. Für mich gab es dort für 5,70 € eine Halbe eines grauenerregenden alkoholfreien Hofbräu hell, das mich stark an der Existenz eines liebenden Gottes zweifeln lässt.
'Der Mensch denkt, Gott lenkt'. Oder man hält es wieder mit Forrest Gump: "Das Leben ist wie eine Schachtel Pralinen. Man weiß nie, was man kriegt."

Jetzt gehe ich erstmal die nächsten zehn Jahre an. 'Dienstbier sucht Bogenhanf' ist da auch so eine Krücke. Wirtschaft als Therapie.
Gibt schlimmeres...😊

Hintergrundrauschen:
Bill Calahan - Have Fun With God (2014)

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