26/02/2016
Liebesgedicht an den Norden von Mona Harry
Wo Wolkentürme den Himmel beschatten
Du sagst: Norden,
das sei doch dieser Ort langweiliger Landschaft,
durchsetzt von hässlichen Städten,
in ewigem Regen, nichtssagende Wiesen,
irgendwo im Nebel gelegen,
da sei das Bestreben vergebens,
sich nicht dem Nass zu ergeben,
da sei man stets von Kälte, von Klämme und Stürmen umgeben.
Und ich sag dann: Komm,
nimm deine Navigationsinstrumente,
stell deinen Blickwinkel neu ein.
Deine Kleider sollen fortan aus Seemannsgarn sein,
wirf deine Netzhäute aus,
um zwischen den Wellen nach neuen Sichtweisen zu fischen.
Noch das Fernglas in die richtige Einstellung bringen,
damit deine Augen-Li(e)der zu singen beginnen.
Stechen wir in See-Schärfe,
um den Blick freizumachen.
Denn was ich am Norden so mag,
ist schlicht das, was du anklagst,
im anderen Blickwinkel betrachtet.
Denn ich mag dieses Herbe, das Graue,
das salzige Raue.
Das Wasser, den Nebel, den prasselnden Regen,
die wogenden Meere, die drohenden Gebärden des Wetters,
wenn Wolkenturmhöhen den Himmel beschatten,
mag das Gefühl mich von Sturmböen beuteln zu lassen,
mag die Kühe und Deiche mit Schafen aus Watte,
mag die Dünen, die Weite der schlafenden Watten,
mag die Weite der Felder, den endlosen Blick,
wo Himmel nur eine Handweit überm wandernden Horizont liegt.
Ich mag die Unwetterschlachten und auch
wenn endlich wieder der Himmel aufreißt.
Ja, wir mögen Kontraste,
selbst unsere Kühe sind schwarz-weiß.
Wir haben Jollen und Kutter und Ebbe und Flut,
haben Schollen und Krabben und Hafengeruch
und die Möwen und Krähen in windiger Luft,
am Ufer sitzen bis das Fernweh mich ruft.
Oh Heringsschwärme, oh Wetterwende
oh Meeresleuchten, oh Septemberende
oh Stürme, die vor Tobsucht triefen,
oh Friesennerz, oh Gummistiefel.
Ach, bleibt mir doch weg mit euren Burgen und Bergen,
all den Kirchen zum Beten,
euren kitschigen Schlössern,
den abscheulich schönen Städten
mit diesen schmucken Fassaden in den schmückenden Farben.
Ja, ich geb‘ es zu, in Bezug auf geschmackvolle Gebäude kann man eurem Urteil vertrauen.
Ihr habt wahrlich ganz bezaubernde Städte
am falschen Ort aufgebaut.
Und bleibt mir weg mit eurem ewigen Blau
und dieser Sonne, die immerzu brennt,
ihr habt den Til Schweiger der Himmel,
weil er nur einen Gesichtsausdruck kennt.
Wir haben den größten
Himmel und die steifste Brise,
die dicksten Fische und die weichesten Wiesen,
die spitzesten Muscheln in den feuchtesten Watten,
wo Seehunde kuscheln und sich Schafe auf Deichen begatten.
Wer auch immer beschloss, dieses Land zuzubereiten,
dieser Koch war so verliebt, sogar die Luft ist versalzen.
Ihr wandert auf Hügeln manche Felswand entlang,
wir reiten Wanderdünen Richtung Sonnenuntergang,
haben es einfach nicht nötig, übers Wetter zu meckern,
das Stroh eurer Köpfe haben wir auf den Dächern,
aus eurem Holz vor den Hütten haben wir Schiffe gebaut,
sitzen auf Sandbänken bis der Morgen längst graut,
immer dran denkend, dass Wind auch bloß Himmel ist,
der sich Hautkontakt traut.
Ja ich mag dieses Herbe, das Graue,
das salzige Raue,
dieses Land und die Menschen,
das offene Blaue.
Den Strand an den Grenzen
des nicht endenden Wassers.
Mag die Kühe und Deiche mit Schafen aus Watte,
mag die Dünen, die Weite der schlafenden Watten.
Mag die Weite der Felder und den endlosen Blick,
wo Himmel nur eine Handbreit überm wandernden Horizont liegt.
Und egal wie oft es mich auf Reisen und in weit entfernt gelegene Gegenden zieht,
eine steife Brise trägt mein Herz stetig zurück.
Land zwischen den Meeren,
vor dem sich sogar die Bäume verneigen,
du bist der wahre Grund
warum Kompassnadeln nach Norden zeigen