18/08/2019
Ostfriesland Teil 5
Moin!
Moin endet der Urlaub. Es ist Zeit. Zeit zu gehen. Dann kommt das Höckerchen wieder zum Einsatz, die Räder werden wieder aufs Autodach gehievt und wir stehen wieder da, wo wir begonnen haben.
Na, nicht ganz.
Ich fühle mich schlechter.
Bevor ich fahre, möchte ich deswegen noch klar Schiff machen und die Mär vom schweigsamen, unfreundlichen Ostfriesen enden lassen.
Jeder Einheimische grüßt Dich hier. Wirklich jeder. Wenn Du Dir Zeit nimmst, dann redet hier auch jeder. Und alles beginnt mit einem Wort - "Moin".
Das Moin ist der Schlüssel zur ostfriesischen Seele. Und die hat was zu sagen.
Der Ostfriesische Hofbesitzer, den Du abends kennenlernst, zeigt Dir am nächsten Tag stundenlang seine drei Windräder und den hochtechnisierten Milchbetrieb, bis Du die Stromleistung jedes Windrades und jede Kuh mit Namen und Milchleistung kennst. Kuh-Nummer 098 heißt "Knutschi". Den nagelneuen Melkroboter kannst Du jetzt auch bedienen.
Der Friese redet - wenn Du die richtigen Fragen stellst.
Das mit den Fragen kann schon mal daneben gehen. Wenn Dir der 12-jährige Hoferbe nämlich stolz erzählt, sie hätten auch ne neue Maschine zum Schwaden und Du fragst, was man damit macht, kann es schon sein, dass er Dich lange anstarrt bevor er antwortet: "Schwaden!"
Auch der erwachsene Friese starrt schon mal:
Nachmittags mit Rad unterwegs. Mann möchte Kaffee (und Kuchen - das sagt er aber nicht). Das nächste Café hat zu. Zur besten Kaffee-Zeit. Die nächste Kneipe hat zu. Nächster Ort - wir fragen. Leider hier auch nix. Mann wirkt verzweifelt. Er braucht Kuchen! Jetzt!
Wir steuern den nächsten Ort an und - in Grimersum ist Dorf-Kirch-Fest! Im Jugendheim der Kirche gibts Kaffee und Kuchen. Das Jugendheim ist voll besetzt, jung, alt, das ganze Dorf ist da.
Verschwitzt, verhungert, mit Rucksack und Helm stolpern wir auf das dorfeigene kirchliche Kuchenbuffet zu.
Die Dorfgemeinschaft verstummt.
Sie starren uns an!
Als wir das vergessene "Moin" nachholen, bekommen wir lachend Tee und Kuchen. Alle rücken zusammen, wir finden Platz. Sie empfehlen uns die Waffeln. Der Waffelteig ist wieder von Uschi dieses Jahr.
Ist eben der Beste.
Moin wirkt auch bei Regen.
Gestern wollen wir dem düsteren Regenschauer entfliehen und steuern mit den Rädern einfach den nächsten fremden friesischen Hof an. Wir hören nach dem Moin - "jau, denn kummt mo inn".
Der Bauer steht hoch oben auf dem Hänger in der Scheune, stellt das Fegen ein und erzählt uns - während der Regenschauer langsam vorbei zieht - dass er eigentlich auf den Nachbarn warte, der seinen Weizen gleich einbringen soll. Aber da es jetzt regne, könne er das erst mal vergessen. Wir unterhalten uns lange über den Hof, den Wassergehalt des Weizens, Marktpreise, Mähmaschinen und den Nachbarn, bis der Regen aufhört.
Ein "Moin" und jeder hier ist freundlich.
Ein "Moin" und jeder hier hat Zeit zum Reden.
Ein "Moin" und jeder hier erzählt Dir, was Leben hier bedeutet.
Nix ist dran an dem Märchen vom mundfaulen, unfreundlichen Ostfriesen... ..aber sie nennen uns hier Nordrhein-Vandalen.