02/06/2026
Begegnungen im Château d’Orion
Madeleine „Nette“ Reclus (ca. 1885–1963) war weit mehr als die Tochter einer prominenten Familie. Zeitzeugen beschrieben sie als wahre Herzensbrecherin: So soll sie unter anderem einen Heiratsantrag des Schriftstellers Emmanuel Berl abgelehnt haben.
Als Naturliebhaberin legte sie die „Botaniques des Belles“ an – eine Sammlung gepresster Blumen und Erinnerungsstücke, die ihre Verbundenheit zur Flora widerspiegelt.
Zu ihren Bewunderern zählten auch Schriftsteller und Dichter. Henri de Régnier widmete ihr ein Sonett, das erst 2003 wiederentdeckt wurde. Auch Henry Farge widmete ihr ein Büchlein mit Gedichten, dessen Illustrationen für Spekulationen sorgten. Ob diese jedoch etwas über Madeleine selbst aussagen, bleibt fraglich – solche Werke waren um 1900 unter kunst- und literaturinteressierten Sammler*innen keineswegs ungewöhnlich.
Besonders faszinierend ist das Bild, das von Madeleine bleibt: unverheiratet, unabhängig und eigenwillig. Familienerzählungen zufolge hatte sie wenig Interesse an den gesellschaftlichen Erwartungen ihrer Zeit: Wenn Hochzeiten anstanden, versteckte sie sich lieber in ihrem Zimmer unter der Bettdecke, als daran teilzunehmen.
Vielleicht liegt genau darin ihr Zauber – in ihrer Unabhängigkeit, ihrer Ausstrahlung und den vielen Fragen, die sie bis heute offenlässt.